FLÜSTERN+SCHREIE

Theater+Kritik

29. August 2010

A tale told by an idiot: Shakespeare’s Macbeth

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"Life is but a walking Shadow, a poor Player

That struts and frets his Hour upon the Stage,

And then is heard no more;

It is a tall Tale, Told by an Idiot,

full of Sound and Fury,

Signifying nothing."

Act V, Szene V

 

21. August 2010

Christoph Schlingensief ist tot: GESCHOCKTE PATIENTEN

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Christoph Schlingensief ist am Samstag, den 21.August 2010 an Krebs gestorben.

Seinen letzten Blog-Beitrag auf GESCHOCKTE PATIENTEN beendete er so:

"machen wir also weiter und geben wir bloß nicht zu früh auf! ich dachte auch es ist jetzt in 6 monaten zuende, aber dann kam es doch ganz anders. die angst bleibt, aber wem sag ich das hier…. "

Aber dann kam es doch ganz anders.

Der ganze Beitrag von Christoph Schlingensief findet sich hier:

http://www.geschockte-patienten.org/weblog/?cat=12

 

15. August 2010

Jérôme Bel inszeniert Cédric Andrieux auf Kampnagel Hamburg

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Tanz oder Theater?

Der Pariser Choreograf  Jérôme Bel porträtiert seit 2004 in einem Biografien-Zyklus herausragende Tänzer aus verschiedenen Traditionen und Stilen. Die bisher fünf Inszenierungen selbst sind ein Spiel mit verschiedenen Stilen und Traditionen: ein Drahtseiltanz zwischen postmodernem Sprech-Theater, Contempuary Dance und Performance. Und ein Spiel mit den Erwartungshaltungen der Zuschauer.

Von oder mit Cédric Andrieux?

Die Inszenierung "Cédric Andrieux" hat Jérôme Bel gemeinsam mit seinem namensgebenden Protagonisten erarbeitet. Der Abend kommt ohne Effekte, beinahe völlig ohne Musik und ohne prätentiöse Gesten aus. Der Tänzer Cédric Andrieux präsentiert kein gefälliges Medley seiner herausragenden Karriere, sondern erzählt Bruchstückhaft und immer wieder von Brüchen durchzogen mit einer Mischung aus reflektierter Distanz und emotionaler Nähe aus seinem Leben. Es geht um seinen Wunsch, Tänzer zu werden, seine Entwicklung, seine Chancen, seine Arbeit mit Choreografen wie Merce Cunningham oder Trisha Brown. Es geht aber auch um harte körperliche Arbeit, präkäre Arbeitsbedingungen, Monotonie, Verletzungen und Erniedrigungen, die das Leben eines Tänzers zu weiten Teilen ausmachen - jenseits glamouröser Oberflächen, aber auch jenseits aller Opfer-Stilisierungen.

Authentizität und Voyeurismus

Cédric Andrieux ist immer sehr nah am Zuschauer - oder umgekehrt. Nach den Tanz-Stücken muß er zunächst wieder zu Atem kommen, so dass Pausen und Brüche entstehen. Jeder Atemzug, jede Muskelanspannung, jede Anstrengung ist so wahrnehmbar. Diese unmittelbare Nähe führt dem Betrachter aber auch den eigenen Voyeurismus vor Augen.

Cédric Andrieux und Jérôme Bel gelingt es, Aspekte des Contempuary Dance sicht- und fühlbar zu machen, die bei vielen gängigen Inszenierungen verborgen bleiben: Schweiß, Anstrengung, Demütigung, aber auch die Lust am Tanz und die Entscheidung für ein Leben als Tänzer. 

Die Inszenierung ist eine Demystifizierung der vorherrschenden Vorstellungen des Genre Tanz und des Lebens eines Tänzers, ohne in schwarz-weiß-Bilder zu verfallen. Die verschiedenen Seiten einer Medaille werden beleuchtet - auch und gerade die Seiten, die normalerweise nicht im Scheinwerferlicht stehen.

"I want to understand what I'm being part of"

Eines der Bruchstücke findet sich auf youtube, wirkt ohne seinen Kontext aber leider etwas verloren: http://www.youtube.com/watch?v=-HhwVPU8PLc

6. März 2010

She She Pop inszenieren „Testament“ auf Kampnagel

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„Diskurs-Performance-Theater“, wenn so was drauf steht, bin ich sofort skeptisch, da meist wenig inhaltliche Diskurse und dafür viel oberflächliche Performance drin sind (wie der grauenvollste je erlebte Abend bei Kampnagel „Kim – Schöner Mann, hässliche Frau“ oder so ähnlich, der in seiner hohlen, verkoksten Teletubbies-beim-Sex-Ästhetik jeder Beschreibung spottet). Und wenn dann noch She She Pop drauf steht, lässt sich Schlimmstes (süß, witzig, aufmüpfig) befürchten. She She Pop ist der wohl irreführendste Name für eine Performance-Theater-Truppe, weckt er (zumindest bei mir) Vorstellungen von „modernen Alpha-Girlies“, die alles witzig finden, sich aber „gar nichts sagen lassen“ und dabei immer „sexy“ sind. Die holen ihre eigenen Väter auf die Bühne? Klingt nach exhibitionistischem Pseudo-Authentisch-Theater. Dachte ich. Und wurde so auf meine eigenen vorschnellen Urteile und oberflächlichen Beurteilungen gestoßen.

Stattdessen werden kluge Fragen über den Umgang mit Alter gestellt, die jeden jenseits von allem Identitäts-Gehabe auf sehr persönliche Weise betreffen und wahrscheinlich gerade daher kaum irgendwo über ein Nachmittagsfernseh-Niveau hinaus diskutiert werden. Alle sind Kinder von jemandem, alle Kinder werden älter. Alle haben Eltern, alle diese Eltern werden älter.

Ein Umgang mit den daraus resultierenden Fragen wird jedoch selten so offensiv und dabei dennoch respektvoll-sensibel angegangen wie hier: indem die Betroffenen der jeweiligen Generationen, in diesem Fall vier Mitglieder von She She Pop und drei ihrer Väter, in direkte Aus- und Verhandlungen treten, aus denen sich ein intensiver wechselseitiger Austausch entwickelt. Den Rahmen bietet Shakespeare’s King Lear, der Klassiker der Eltern-Kind-Generationenfrage. Der Inhalt bezieht sich jedoch vielmehr sowohl auf allgemeine Aspekte des „Generationenwechsels / -konflikts“ als auch auf ganz persönliche Fragen der jeweiligen Kind-Vater-Beziehungen der Anwesenden. Wer wird wen unterstützen? Wer wird wen pflegen? Wer wird wo wohnen? Wer wird was vererben? Wer hat welche Erwartungen an die jeweils andere Generation? Schwarz-Weiß-Konflikt-Bilder werden hier ebenso demontiert wie verkitschte Heile-Welt-Illusionen

Selten wurde ich von einem so reflektierten, sensiblen, tiefgehenden und dabei unterhaltsamen Theaterabend überrascht. Die Bezeichnung „Diskurs-Performance-Theater“ ist hier endlich mal tatsächlich gerechtfertigt und absolut positiv connotiert.

26. Februar 2010

René Pollesch inszeniert „Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“ am Schauspielhaus Hamburg

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 „Draußen tobt der Konsens, während ich hier drinnen versuche, Tradition und Anarchie aufrecht zu erhalten.“

… zitierte Sophie Rois einmal in einem Interview eine ihrer Lieblingsstellen aus einem Pollesch-Stück.

 „Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“ folgt dem gleichen Auftrag:

den allgemeinen Konsens und unhinterfragte Deutungshoheiten hinterfragen: vor allem den weißen, männlichen, heterosexuellen und eurozentristischen Blick. Aber auch Rollen- und Bedeutungszuweisungen, in die Pollesch selbst und seine Truppe (bei „Mädchen in Uniform“ Brigitte Cuvelier, Christine Groß und Sophie Rois sowie ein sehr beeindruckender Chor aus 10 jungen Frauen, das „Frauenbataillon“) verstrickt sind:

 „Der Befehl ‚Sei kreativ!’ überfordert mich so!“

Der Traum oder das Fantasma der Kreativität und der Selbstverwirklichung wird von Leuten in Frage gestellt, die objektiv betrachtet genau dies tun und leben. Und daher eben auch die ganze Bandbreite erahnen: keine Selbstverwirklichung ohne Selbstdisziplinierung, ohne Selbstausbeutung. So wie Freiheit jenseits der Repression undenkbar wird, wird auch Selbstverwirklichung jenseits der ökonomischen Verwertbarkeit undenkbar. Und unlebbar.

Und der Chor, das Frauenbataillon, ergänzt: „Die Lust am Ich ist eine trübsinnige Angelegenheit!“ Kreativ sein, schreiben, malen, inszenieren, das ist doch die Übung, das kann doch jeder, das tut doch jeder: alle wollen was sie sollen. „Wege aus der Selbstverwirklichung“ werden nicht aufgezeigt, aber Vorstellungen von der vorgeblichen Selbstverwirklichung werden in Frage gestellt, de-mystifiziert, bloß gestellt.

 „Da ist nichts dahinter!“

Pollesch und Bühnenbildner Bert Neumann inszenieren die Inszenierung auf der Bühne als eine Inszenierung hinter der Bühne: eine große Spiegelwand spiegelt den Zuschauerraum und ein karierter Vorhang, wie aus einem Kasperle-Theater, wird von Sophie Rois auf- und zugezogen. Hinter der Bühne ist alles genauso inszeniert ist wie auf oder davor. Wo und wann endet die Inszenierung, wo und wann beginnt Wirklichkeit? Gibt es kein Backstage mehr? In welche Richtung muss ich spielen? „Mich gibt’s nur da wo ich auftrete!“ sagt Sophie Rois, die die Wirklichkeit bereits in „Liebe ist kälter als das Kapital“ und „Fantasma“ vergeblich suchte. Auch da konnte sie die Bühne nicht verlassen bzw. landete beim Verlassen der Bühne auf einem Filmset, ist zu einer „Bühnenexistenz“ verdammt. Ein Verweis auf die permanente Inszenierung und Performance, der die Frage nach dem Wirklichkeits-Begriff genau wie nach der ökonomischen Verwertbarkeit „exaltierter Künstlerinnen“ stellt.

Das Thema ist keine reine Wiederholung aus älteren Stücken, sondern ein Weiterspinnen: nicht nur die Schauspieler haben die Richtung verloren, auch das Publikum. Mit einem abgeschmackten Verständnis von Kunst und Theater, mit der Gier nach echten Gefühlen, nach einem Blick hinter die Kulissen, nach Authentizität.

 „Dass alle ihr individuelle Erfahrung für sich selbst halten!“

Zuschauer, die sich stimulieren und inspirieren lassen, um dann zu Hause schnell ihr eigenes Theaterstück in ihr Laptop zu tippen. …oder einen Text für ihren Blog. „Glotzt nicht so inspiriert!“ zischt der Chor und „Weg mit den Talenten, die sich ein Buch abringen!“ Theater als individuelle Stimulans. Funktioniert an diesem Abend bestens.

Weiteres, selbstreflexives, Thema: ein Kulturbetrieb, der alle Inhalte zum Verschwinden bringt. Egal was Kunst, Theater oder Medien einmal vermarkten und verwerten, jeder emanzipatorische oder widerständische Inhalt verschwindet, wird höchstens zu einer rebellischen Attitüde.

Pollesch weiß, dass die Menschen ohnehin nur hören und sehen, was sie auch hören und sehen wollen. Und wer nur Boulevard-Oberfläche sieht, sieht eben auch nichts anderes. Wilde sagte hierzu mal: „Wer unter die Oberfläche dringt, tut dies auf eigene Gefahr.“

Pollesch bietet seine Diskurs-Versatzstücke wie immer im Gewand von Boulevard-Theater-Elementen, Situationskomik, Slapstick und Zitaten aus der Popkultur. Diesmal setzt er allerdings weniger auf Lautstärke, Effekte und Reizüberflutung - oder zumindest in vergleichsweise reduzierter Form - wodurch der Abend an Konzentration auf den Inhalt gewinnt. Wobei Konzentration vielleicht der falsche Ausdruck ist, da Pollesch und sein Team nach wie vor keine leicht verdaulichen,  homogenen Aussagen präsentieren, sondern Widersprüche aufzeigen und produzieren, immer zwischen Ernst und Ironie. Der Abend zeigt somit keine „Wege aus der Selbstverwirklichung“ auf, sondern provoziert Fragen. Fragen wie folgende:

 „Wo ist sie denn, die Unterdrückung?“

Was sind Möglichkeiten politischen Widerstandes? Jedenfalls nicht der männliche, weiße, heterosexuelle Jugendliche, der einen Jaguar anzündet und bereits in „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang“ thematisiert wurde. Auch nicht der Selbstbetrug in Form von Verklärungen vergangener Protestformen.

In diesem Zusammenhang hätte auch thematisiert werden können, dass gerade Versuche widerständiger Praxen als Stimulans verwertet und somit entwertet werden und längst Teil bürgerlicher Vergesellschaftung sind. Keine Jugend- oder Subkultur ohne rebellische Attitüde - oder zumindest rebellisches Outfit.

„Da draußen herrscht nur Individualisierung“ - „Da draußen gibt es nur Entsolidarisierung“

Pollesch verhandelt in „Mädchen in Uniform“ vor allem das Thema der Disziplinierung drinnen und draußen und stellt die von Foucault formulierte Frage nach den dahinter liegenden Mechanismen von Zurichtung und Macht.

Aber wo ist denn da draußen? Wo beginnt denn draußen? Der Feind lässt sich nicht mehr lediglich in einer feindlichen Umwelt ausmachen wenn die Innenwelt feindlich wird.

Wie lassen sich Unterdrückungsverhältnisse thematisieren, wenn die Disziplinierung längst verinnerlicht ist? Wenn alle wollen, was sie sollen?

Wie und wo können heute noch Formen politischen Widerstandes entwickelt und erprobt werden? Wie und wo können heute Individuen sich noch als Teil einer kollektiven Gemeinschaft, einer Gesellschaft begreifen und erfahren? Pollesch stellt hier einen Bezug zu den von Diedrich Diederichsen analysierten Studentenprotesten gegen die Umgestaltung der Universitäten zu Wissens-Fabriken her.

„Es gibt keine Freiheit jenseits der Repression“

Der Freiheitsbegriff, wie er in dieser Gesellschaft verwendet und verstanden wird, dient vielmehr der Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse, dient als Hoffnung, Antrieb, Inspiration, Stimulans. „Freiheit“ wird verwertet, genau wie „Liebe“.

„Es ist so schwer mit jemandem zusammen zu sein, der so viel gibt und so wenig dafür verlangt.“ Wie sind soziale Beziehungen in einer vollkommen auf Individualisierung und ökonomische Verwertbarkeit ausgerichteten Gesellschaft möglich? Eine Frage, die auch in „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“ gestellt wurde. Warum werden Beziehungen immer nur in Begriffen der Liebe erzählt? Warum kann Sophie Rois das geliebte und geschätzte „Einzelwesen“ nicht verlassen und stattdessen den Chor, das kollektive Frauenbataillon, lieben? Liebe und Tod, konstatiert Rois, sind singuläre Erlebnisse, da gibt es nichts zu teilen.

Baudrillard schrieb passend hierzu:

„Die Gewalt des Konsens und der forcierten Zusammengehörigkeit, die, wie eine Schönheitschirurgie des Sozialen, die Wurzeln des Übels und jeder Radikalität auzureißen trachtet; die jede Form der Negativität und Singularität einschließlich der letzten Form der Singularität, die unser Tod ist, löscht; die Gewalt einer Gesellschaft, die uns das Negative und den Konflikt und den Tod untersagt…“

„Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“ setzt sich mit eben dieser Gewalt des Konsens auseinander, immer auf der schmalen Schneide zwischen Ernst und Ironie. Ob das gelingt oder nicht, liegt im Auge des Betrachters. Und darin liegt sowohl die Stärke als auch die Schwäche von Stücken von Pollesch: Schmerz oder Scherz? Inhalt oder Verpackung? Am Ende kann der Konsument entscheiden, was er mit nach Hause nimmt…

 

„Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“ frei nach Christa Winsloe

Text und Regie: René Pollesch
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Tabea Braun
Chorleitung: Christine Groß
Choreografie: Brigitte Cuvelier
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Brigitte Cuvelier, Christine Groß, Sophie Rois.
Chor: Laura Louise Brunner, Lea Connert, Paula Hans, Lisa Karrenbauer, Marion Levy, Hannah Müller, Franziska Pohlmann, Laura Schuller, Lydia Stäubli, Lisa Schwindling.

20. Februar 2010

Lüge + Wahrheit? Zu Helene Hegemanns “Axolotl Roadkill”

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„Nur über die Lüge kommen wir der Wahrheit nahe“

 

„Alle rebellieren ja, auch wenn die Rebellion darin besteht, sich nur noch für die Oberfläche zu interessieren.“ Sagt Helene Hegemann der Welt am 09.02.2010.

Dabei ist doch das Ideal unserer Zeit schlechthin, nur noch Oberfläche zu sein: Schönheit, Glamour, Partys, Exzesse, Geld. Wer sind denn die Stars, die uns in den Medien begegnen? Paris Hilton verkörpert dieses Ideal ikonenhaft: reine Oberfläche, reine Projektionsfläche, völlig ohne Inhalt oder Hintergrund (von ihrem finanziellen bzw. familiären Hintergrund mal abgesehen). Und abgesehen von ihren cleveren PR-Beratern im Hintergrund. Und in genau dieser Absurdität leben alle, gerade Jugendliche: in einer Wirklichkeit, in der der Schöne Schein mehr zählt als alles andere, in der eine völlig realitätsfremde Fassade die Wirklichkeit bestimmt. Und Massen kleiner Topstars und Supermodels sind kein Ausdruck von Rebellion, sondern wenn überhaupt, dann Strategien, um sich auf einem deregulierten Weltmarkt wenn nicht eine Perspektive so doch  zumindest eine Überlebensstrategie oder -nische zu suchen. Rebelliert wird hier höchstens gegen die permanenten Erfahrungen des Scheiterns, die ein übersättigter Arbeitsmarkt, auf dem eben nur die Spitze des Eisbergs einen Platz an der Sonne erhält, produziert.

Dieser Selbstbewusstseinskult der Individualisierung führt dazu, dass alles akzeptiert oder ignoriert wird, da alle nur noch mit sich selbst bzw. mit der Konstruktion ihrer Oberfläche beschäftigt sind. Innerhalb zunehmender Pluralisierung kommt es auch zu einer Partikularisierung der Lebenswelten, was sich eben auch in einer Partikularisierung sozialer Protestbewegungen spiegelt. Von daher hat Helene wahrscheinlich recht, wenn sie sagt: „Alle rebellieren ja.“ Aber wenn alle rebellieren, indem sie „sich nur noch für die Oberfläche“ interessieren, verliert sich diese Rebellion eben auch in absoluter Belang- und Wirkungslosigkeit. Oder, von Lessing geklaut: „Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten!“

 

„Nur über die Lüge kommen wir der Wahrheit nahe“ sagt Helene Hegemann.

„Wer nicht lügen kann, weiß nicht, was Wahrheit ist“ sagt Nietzsche.

 

Wie trügerisch diese Form der Wahrheit oder Wirklichkeit ist, wird deutlich, wenn Helene Hegemann z.B. von der (Springer-) Welt auf Geschlechterverhältnisse angesprochen wird: „Ich habe mich mit so etwas nie beschäftigt, weil ich in einem Jahrzehnt groß geworden bin, in dem sich Fragen nach Geschlechterrollen kaum mehr stellen.“ Als ob Männer mittlerweile auch Gefahr laufen würden, bei unbedachtem oder ungewolltem Sex schwanger zu werden. Oder als ob es mehr alleinerziehende Väter als Mütter geben würde. Andererseits möchte mensch sich auch gar nicht überlegen, was andere Leute auf so eine Frage antworten würden. Und die meisten können froh sein, dass ihnen mit 17 niemand solche Fragen gestellt und die Antworten aufgezeichnet und veröffentlicht hat.

 

Lüge + Wahrheit? Oder Gier + Hass?

Viel interessanter als die ganzen Versuche, den Wahrheits- oder Originalitätsgehalt von Hegemann auseinander zunehmen ist doch vielmehr die Frage, warum sich eine breite Öffentlichkeit so dermaßen gierig auf dieses Buch und diese Autorin stürzt. 

Gier nach Schock, nach Skandal, nach Vernichtung? Oder einfach nur bürgerlicher Voyeurismus? 17 Jährige schreibt über Drogen und Exzesse. Gefundenes Fressen. Vor allem, wenn dieses Mädchen gleich den passenden Background liefert: direkt aus der linksintellektuellen Theater-Avantgarde-Elite und mit biografischen Parallelen zum Inhalt des Buches wird eine riesige Projektionsfläche für alle geboten: Sensationsgier oder Faszination, Zu- oder Abneigung. Und vor allem wollten doch alle aus der weißen, heterosexuellen Bildungselite schon immer mal hinter die Gardinen dieser Pseudo-Linken-Avantgarde-Elite blicken. Nur um bestätigt zu bekommen, dass hier lediglich Ausschweifungen, sexuelle Perversionen und zwischenmenschliche Abgründe produziert werden, aber zum Glück keinerlei inhaltliche Substanz, mit der sich auseinandergesetzt werden müsste.

Unbequeme Aussagen werden ruckzuck neutralisiert: Jelinek ist dann nur noch eine vergrätzte Feministin, Pollesch eine linksintellektuelle Schwuchtel, Schlingensief ein aufmerksamkeitshöriger Theater-Clown… und Helene Hegemann einfach nur das Kind ihres Vaters.

Was die einzelnen wie und warum sagen, kann dann viel einfacher ignoriert oder belächelt werden. Hinweise auf Widersprüche und Konflikte werden so einfach wegindividualisiert zu den persönlichen Widersprüchen und Konflikten eben dieser sprechenden Person, so dass diese Person möglichst schnell wieder zum Schweigen gebracht wird. Oder noch besser, sollen sie doch reden und schreiben, am Besten laut und hysterisch schreien, nimmt ja doch niemand mehr ernst. Und da sich das Ganze ja offensichtlich prima verkaufen lässt, sind dann am Ende doch alle Gewinner. Selbst der beklaute Airen, der daher auf die FAZ-Frage, ob er sich als Opfer fühle, antworten kann: „Nein. Helene Hegemann hat mich nicht angegriffen. (…) Dass es durch diesen Skandal hochkommt, empfinde ich als unangenehm, aber es ist natürlich auch Publicity, ein Bonus, den ich sonst nie gehabt hätte.“

Opfer? Wenn überhaupt, dann ein Opfer des Marktes, aber dank der finanziellen Gewinne eben auch Gewinner.

19. Februar 2010

“Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.” Lessing

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7. Februar 2010

Wege aus der Selbstverwirklichung - René Pollesch

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Komme gerade von einer Diskussionsveranstaltung im Schauspielhaus Hamburg zu René Polleschs nächstem Stück "Mädchen in Uniform - Wege aus der Selbstverwirklichung".

Ein Gespräch mit dem Verlesen der Liste erhaltener Preise zu beginnen, ist ja schon ein fragwürdiger Start. Aber Fragen nach dem "idealen Zuschauer" oder "idealen Schauspieler" gehen dann doch dermaßen am Inhalt von Pollesch-Stücken vorbei, dass es ganz erstaunlich war, dass Pollesch das Ganze dennoch mit Inhalt füllen konnte. Stellt sich eher die Frage nach einer "idealen Moderation".

"Wo ist die denn hier? Die Unterdrückung?"

Und so unpassend viele Fragen auch waren (nicht nur von der Moderatorin Ursula Keller, sondern auch teilweise vom Publikum… Zitat: "Nett und bescheiden, dass mag man leiden!"), haben sie im Prinzip das von Pollesch Gesagte offensichtlich gemacht. Der Normalzustand hier ist eben sexistisch, rassistisch, gewalttätig usw.. Und trotz aller dekonstruktivistischen Ideale lassen sich die Erfahrungen, die aufgrund von Hautfarbe oder Geschlecht gemacht werden, eben auch nicht wegreden. Pollesch brachte dazu das Beispiel, dass Schriftsteller wie Goethe oder Thomas Mann über die Probleme der Menschheit als Menschen schreiben, aber jemand wie Jelinek schreibt immer als Frau, wird von außen immer als Frau, die Frauenliteratur schreibt, kategorisiert. 

Der Untertitel von "Mädchen in Uniform" lautet "Wege aus der Selbstverwirklichung". Selbstverwirklichung ist in dieser Gesellschaft eigentlich ein positiv konnotierter Begriff, so dass der Titel für Irritationen sorgt. Hierbei geht es weniger um eine konkrete Alternative, sondern vor allem um ein Hinterfragen. Um ein Hinterfragen von Vorstellungen und Versprechen von Freiheit, Glück, Zufriedenheit. Und ob diese Vorstellung von Selbstverwirklichung, der früher vielleicht einmal ein emanzipatorischer Gedanke zugrunde lag, mittlerweile nicht vielmehr zu einem Imperativ, zu einer Form von Selbstdisziplinierung und -zurichtung auf einen de-regulierten Markt ist, in dem von Individualität bis hin zu Widerständigkeit alles einem universellen Verwertungsprinzip unterworfen ist. Diese Form der Disziplinierung bedarf kaum noch einer äußeren Autorität, da sie verinnerlicht ist und durch fragwürdige Vorstellungen von Glück und Freiheit motiviert wird. 

Pollesch benutzte andere Worte und Bilder, z.B. den Vergleich von Burka und Bikini, die beide dazu dienen, den Körper als weiblich zu markieren, zwar auf unterschiedliche Art und Weise, aber beide als Ausdruck von Sexismus.

Die Bildsprache von Pollesch und seine Verweise auf Diskurse von Foucault oder Agamben bis hin zur Biologin Donna Haraway scheinen Moderatorin und Teile des Publikums aber gar nicht erreicht zu haben, wie einige Nachfragen sehr deutlich zeigten. Was ja aber Polleschs These, dass viele nur hören und verstehen, was sie hören und verstehen wollen, ganz gut belegt. 

Die meisten wollen sich ihre tolle selbstgewählte Selbstverwirklichung anscheinend nicht schlecht reden lassen - auch nicht am Theater. Denn da gehen sie ja hin, zahlen ihren Eintritt oder machen ihren Job, wegen der Selbstverwirklichung. Das Problem sind ja nicht mangelnde Informationen oder Denkanstöße, sondern der Mangel an Auseinandersetzungsbereitschaft. Oder Kommunikationsfähigkeiten wie im Falle von Ursula Keller und Teilen des Publikums.

"Nett und bescheiden, dass mag man leiden" ?

Da bleiben eigentlich keine Fragen mehr offen. Aber klar können und wollen anscheinend gerade junge attraktive Menschen, die sich wahrscheinlich mit aller Energie auf vollem Kurs auf ihrem Weg in die Selbstverwirklichung befinden, gar keine Denkanstöße. Die wollen Karrierechancen. Dass aber nur für wenige auf dem Siegertreppchen Platz ist und der Rest eben auf der Strecke bleibt, werden sie wahrscheinlich noch früh genug erfahren. Da wird wohl auch "Mädchen in Uniform" nichts dran ändern, aber sein Publikum kann sich eben niemand aussuchen. Seine Inhalte aber schon. 

Dazu Pollesch in einer Ankündigung für "Mädchen in Uniform":

"Mein Gott! Nicht noch so eine exaltierte Künstlerin! Und dabei wären Sie so eine glückliche Hausfrau geworden! Hören Sie auf, sich zu empören! Formulieren Sie Ihre Probleme mit mir nicht in Begriffen der Unterdrückung. Wo ist die denn hier? Die Unterdrückung? Was soll dieses Gefasel von Ausdruck, und dass ich Ihnen den rauben wollte. Sie werden im Gegenteil dauernd zum Ausdruck ermutigt! Das sollte Ihr Problem sein."  

Von daher war die Veranstaltung gerade wegen ihrer Absurdität und beinahe Entgleisung eigentlich total gelungen - Widersprüche und Reibungspunkte werden im Theater selten so auf den Punkt gebracht, so was kann anscheinend nur die Wirklichkeit.

7. Dezember 2009

„Ernst ist das Leben (Bunbury)“ von Oscar Wilde in einer Übersetzung von Elfriede Jelinek, inszeniert von Anna Bergmann im Thalia in der Gauss

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Ist das Euer Ernst?

Oscar Wildes Verwechslungskomödie „Bunbury“ persifliert die verlogene, bigotte Doppelmoral seiner Zeit, Jelineks Übersetzung bzw. Nach-Dichtung entlarvt die heutige Über-Sexualisierung. Bergmanns Inszenierung schafft keins von Beidem. Klischees werden nicht dekonstruiert, sondern einfach reproduziert. Und das nicht mal sonderlich amüsant, sondern einfach nur platt. Dafür in pompöser Kulisse, was alles nur noch schlimmer macht. Oberflächen spielen in dem Stück zwar eine große Rolle, aber leider werden sie in dieser Inszenierung überhaupt nicht hinterfragt oder durchdrungen. Oscar Wilde sagte einmal: „Wer unter die Oberfläche dringt, tut dies auf eigene Gefahr.“ Nun, in dieser Inszenierung besteht da keinerlei Gefahr. Hier liegt die Gefahr gerade in der Oberflächlichkeit.

Das kann doch nicht euer Ernst sein!?

Männer in Frauenkleidung werden im Theater generell immer wieder gerne und inflationär als sichere Lacher auf die Bühne gebracht, was allerdings eher traurig ist. Umso trauriger, dass sich hier komplett und einzig und allein auf den Effekt der Travestie verlassen wird. Die ansonsten durchweg guten Schauspieler werden hier verheizt und tun einem geradezu leid. Hans Kremer als Lady Bracknell ist z.B. durchaus beeindruckend, aber gleichzeitig auch bedrückend, dass die absolute inhaltliche Leere durch gute Schauspieler in aufwändigen Kostümen überdeckt werden soll. Eigentlich ist die Inszenierung so lau und belanglos, dass es kaum der Rede wert ist. Ärgerlich ist nur, dass die Ankündigungen und das Beiheft sowie die Verbindung Wilde/Jelinek so ganz andere Erwartungen an das Stück schürt, die dann aber überhaupt nicht eingelöst werden. Und der Gedanke, wie das Ganze ausgerechnet an Silvester auf der Großen Bühne einem feier- und sauffreudigem Publikum präsentiert wird, ist mehr als gruselig.

22. November 2009

Karin Henkel inszeniert „Glaube Liebe Hoffnung. Ein kleiner Totentanz von Ödön von Horváth“ am Schauspielhaus Hamburg

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…but death is not the end…

Horváths kleiner Totentanz beginnt mit der jungen Elisabeth, die aus Verzweiflung über ihre ausweglose Situation ins Wasser geht. Elisabeths persönlicher Kampf um ein besseres Leben bzw. ums Überleben ist vergeblich angesichts einer durch und durch kommerzialisierten, hierarchisierten und bürokratisierten Gesellschaft. Wie eine Figur von Kafka oder aus einer griechischen Tragödie bemüht sie sich, einen ungleichen Kampf nicht zu verlieren, dessen verworrene Regeln von anderen aufgestellt werden.

Horváths Grundthema, der Kampf des Individuums gegen eine unheimlich-gesichtslose Gesellschaft, „dieses ewige Schlachten“ (Horváth), ist heute genauso aktuell wie 1932: So wie Elisabeth zunächst aufgrund von Schulden und anschließend aufgrund kleiner Missverständnisse und Unaufrichtigkeiten immer tiefer in die Mühlen der Staatsmacht gerät, die immer wieder ausruft: „Wir sind doch zu ihrem Schutz da!“, geraten auch heute Menschen in Existenz bedrohende Situationen, sei es aufgrund von eingesteckten 1 Euro 30 oder weil sie zur falschen Zeit Kontakt zur falschen Person hatten und plötzlich nach § 129a unter Terrorismusverdacht stehen.

 

„Jetzt geht’s wieder los“ – kein Entkommen

Karin Henkel versucht allerdings gar nicht erst, inhaltliche Bezüge zur Gegenwart zu ziehen, was auch nicht nötig ist. Stattdessen konzentriert sie sich ganz auf die Geschichte von Elisabeth und spielt in ihrer Inszenierung mit der Chronologie der Handlung: wie eine Klammer beginnt und schließt das Stück mit Elisabeths Selbstmordversuch. Innerhalb dieser Klammer werden in Rückblicken entscheidende Momente von Elisabeths Weg in den Selbstmord beleuchtet. Immer wieder werden Szenen wiederholt, meist in gesteigerter Intensität. Wie um zu verdeutlichen, dass Elisabeths Glaube, Liebe, Hoffnung von vorneherein aussichtslos sind und ihre Demütigungen, Verletzungen gerade durch ihre permanente Wiederholung summiert und potenziert werden. Dadurch wird an Elisabeth exemplarisch nachvollziehbar, wie die komplexen gesellschaftlichen Verhältnisse Armut und Kriminalität produzieren und Existenzen zerstören können.

Für diese komplexen Zusammenhänge hat Henkel treffende Bilder gefunden: vor allem Masken. Alle außer Elisabeth verschwinden immer wieder unter riesigen, unheimlich-entindividualisierenden Masken, so wie jedes Individuum nicht nur für sich steht sondern immer auch eine gesamtgesellschaftliche Rolle, Funktion und Bedeutung hat. Zwar treten immer wieder die Menschen unter den Masken hervor, aber genauso schnell können sie auch wieder darunter verschwinden. So wie Elisabeths große Hoffnung auf einen Ausweg, der Schutzpolizist, der im ständigen Wechsel von einem anderen Darsteller gespielt wird, wie um die Austauschbarkeit seiner Person zu verdeutlichen, und der sich am Ende gegen Elisabeth wendet, um seine Karriere nicht zu gefährden.

Auch das Bühnenbild unterstreicht Elisabeths Situation: ein kalter, geschlossener Raum, lediglich der Sprung ins Wasser stellt für Elisabeth einen Ausweg dar. Elisabeths tapetenartig vervielfältigtes Bild erinnert an die Fahndungsplakate der RAF-Terroristen, die in den 70er und 80er Jahren ähnlich präsent waren. Die Bilder erinnern aber auch daran, dass Elisabeth, das einzige Individuum des Stücks, nur eine von vielen ist, kein Einzel- oder Sonderfall, sondern ein Massenphänomen.

 

„Ich möchte mein eigener Herr sein“ – kein Richtiges im Falschen

Elisabeths Geschichte erzählt auch von der Geschichte einer Frau in einer Gesellschaft, in der nicht nur Arbeitskraft und –zeit verkauft werden, sondern auch Körper, Hoffnungen, Träume. Elisabeth ist permanent damit beschäftigt, irgendwelche Berührungen, Beschmutzungen und Verletzungen abzuwehren. „Einem Mann wäre das nicht passiert, was Elisabeth passiert ist. Elisabeth endet u.a. so wie sie endet, weil die Männer im Stück ihren weiblichen Körper benutzen und ausnutzen.“ kommentiert Jana Schulz in einem Interview. Oder wie Elisabeths Schupo wiederholt sagt: „Ich schätze eine Frau höher ein, die von mir abhängt.“ Ihre Beziehung zum jungen Schutzpolizist stellt für sie vor allem einen möglichen Hoffnungsschimmer, einen Ausweg aus ihrer ausweglosen Situation dar, aus der sie sich aus eigener Kraft nicht befreien kann. Aber gerade diese letzte ihrer Hoffnungen, die Liebe, stellt sich für Elisabeth als tiefe Verletzung dar. Jana Schulz ergänzt noch:„Aber es liegt nicht nur daran, dass Elisabeth eine Frau ist, sondern weil sie der ‚Mensch Elisabeth’ ist, dass sie so endet, wie sie endet.“ Dieser Aspekt wird eindrucksvoll dargestellt, als Elisabeth aus Zwang und Not eine Freundin an die Polizei verpfeift. Denn hier muss sich Elisabeth nicht als Frau bzw. als weiblicher Körper verkaufen, sondern als Mensch.

 

…people ain’t no good…

Horváth sagte einmal: „Wer wachsam den Versuch unternimmt, uns Menschen zu gestalten, muß zweifellos (…) feststellen, dass ihre Gefühlsäußerungen verkitscht sind, das heißt: verfälscht, verniedlicht und nach masochistischer Manier geil auf Mitleid, wahrscheinlich infolge geltungsbedürftiger Bequemlichkeit (…).“ Jana Schulz schafft es, Kitsch, Mitleid und Geltungsbedürftigkeit in ihrer beunruhigend-überzeugenden Darstellung der Elisabeth zu vermeiden und stattdessen den Mensch Elisabeth in ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung und ihren Verletzungen für den Zuschauer zugleich emotional erfahrbar als auch rational erfassbar zu machen. Unterstützt wird sie hierbei von einem Ensemble, das von einer Rolle zur nächsten wechselt oder im Chor an die Rampe tritt. Jenseits von jedem Kitsch wird in dieser Inszenierung keine einfache schwarz-weiße Gesellschaftskritik geübt, sondern gerade die Verworrenheit des Systems und die Verwicklung und Verstrickung jeder einzelnen Person in die Gesamtverhältnisse vielleicht nicht gerade subtil, aber dafür sehr eindringlich beleuchtet. Das dürfte nicht allen gefallen, und viele interessieren so Themen wie Armut, Not, Gewalt und Tod eben auch nicht. Solange man selbst nicht betroffen ist. Aber das ist ja auch Teil des Problems.

Und auch wenn der Inszenierung vorgeworfen werden kann, Theater nicht neu erfunden zu haben, so gelingt Karin Henkel mit ihrer Inszenierung, woran sich viele nicht mal versuchen: Theater als Finger in Wunden und Narben jedes Einzelnen und der Gesellschaft zu bohren.

 

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