Elsewhere in Berlin: Theater ist nicht gleich Theater, eine Vierte Wand ist nicht immer eine Vierte Wand und bemerkenswert ist nicht immer bemerkenswert.

Vier Tage Berlin: Viermal Theater, dreimal Theatertreffen, dreimal Berghain, einmal Kleingarten, einmal Museum. Ein Marathon.

Freitag: Der Marathon startet erst einmal ganz gediegen: Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele. Eingeladen als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen: Die Straße. Die Stadt. Der Überfall von Elfriede Jelinek, Regie Johann Simons. Für meinen Geschmack definitiv zu seicht, zu nett, zu bekömmlich. Nette Witze, nette Lieder, nette Inszenierung. Jelineks Textflächen in eine Dialog- und in Ansätzen sogar Rollenstruktur zu zwängen, kann meiner Ansicht nach nur Scheitern, da es dem komplexen und mehrschichtigen Text nicht gerecht werden kann. Wo einem in gelungeneren Jelinek-Inszenierungen wie KONTRAKTE DES KAUFMANNS von Nicolas Stemann oder RECHNITZ von Jossi Wieler das Lachen im Halse stecken bleibt, kann man bei Simons ganz wohlig schmunzeln. Aber will ich das? Wie Fabian Hinrichs bei KILL YOUR DARLINGS gerne konstatierte:

„Es reicht uns nicht, es fehlt uns was!“

Hier fehlen mir die Spitzen, Ecken und Kanten. Jelinek sollte nicht zum Dahinschmelzen sein – wie das Eis auf dem Bühnenboden.

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Im Anschluss: Eine Premiere der anderen Art – mein erster Besuch in einer Sexbar, dem Laboratory im Berghain. Das Setting gefällt mir erst einmal spontan überraschend gut: heruntergekommener Industrie- und Endzeitcharme, alte unverputzte Backsteinwände, kalte Metallgerüste, dunkle Nischen und Höhlen, Kerzen. Erinnert mich ein wenig an eine Hardcore-Version von Ida Müller’s unglaublichem Allover-Bühnenbild für BORKMANN letztes Jahr im Prater der Volksbühne. BORKMANN ist sowieso der Anlass, warum ich überhaupt vom Theatertreffen direkt im Lab lande: Nachdem ich dem Freund, bei dem ich die paar Tage in Berlin verbringe (und der im Berghain arbeitet), begeistert von BORKMANN berichtet habe, meinte er nur: Klingt wie bei mir auf der Arbeit: Scheiße, Pisse, Sex. Ein guter Grund, meine Abwehrhaltung und Schwellenängste über Bord zu werfen und einen Blick jenseits von Stern-Reportagen zu riskieren. Ist auch interessant, vor allem, da ich mich weniger unwohl, unsicher und überfordert fühle als erwartet – was aber auch an meiner gut auf mich aufpassenden Begleitung liegt – bwohl ich bereits durch meine vollständige Garderobe und meine Rolle als reiner Zuschauer sofort als Outsider auffalle. Ansonsten ist es hier irgendwie auch wie im Theater, und der BORKMANN-Vergleich ist gar nicht so abwegig. Allerdings wünsche ich mir manchmal doch eine Vierte Wand, hinter der man sich so schön sicher, geschützt und versteckt verstecken kann. Die Vierte Wand gab es beim BORKMANN allerdings auch nicht. Wobei ich bei BORKMANN mehr Angst hatte als im Lab: Hier kann man wenigstens unbesorgt Nein zum Mitmachen sagen – ob Vinge ein Nein akzeptiert halte ich für fraglicher. Aber das Lab wird es im Gegensatz zum BORKMANN wohl nicht auf die Liste meiner liebsten Schauspiele schaffen, die ich mir immer wieder ansehen würde – da fehlt mir dann doch die inhaltliche Substanz. Als recht kopflastiger Mensch ist Sex für mich zwar ein ergiebiges Thema, erfordert meiner Meinung nach aber auch Auseinandersetzung, Sensibilität und politisches Bewusstsein. Aber eine Sexbar ist eben auch eine andere Art von Theater.

Den Samstag lassen wir dafür ganz ruhig angehen: Kleingartenanlage, Unkraut jäten, Setzlinge setzen, unterm Kirschbaum liegen – ist dann irgendwie doch mehr meine Welt. Meine Bullerbü- oder Kinder-von-Uhlenbusch-Sozialisation hat mich wohl für immer für Exzesse verdorben. Zumindest ist mir diese Gartenidylle hier näher als das „glamourösere“ Theatertreffen, wegen dem ich mich schweren Herzens vom paradiesischen Garten verabschieden muss, damit ich gerade noch pünktlich zur FAHRT komme, die anlässlich des 50jährigen Theatertreffens stattfindet. Das Szenario weckt Assoziationen zu Kaffeefahrten vom gehobeneren Seniorenheimen: Fresspaket mit Brezel und Sekt, Busfahrt mit allzu witzigem Reiseführer. Leider führt die Tour lediglich an bekannten Spielstätten vorbei, vom DT und Berliner Ensemble über Volksbühne und HAU – außer dem Tempelhof-Hangar leider ohne Überraschungen oder Neuentdeckungen. Immerhin weiß ich jetzt, woher das Volksbühnen-Zeichen aus Rad mit Beinen kommt: Eine früher in Bäume geritzte Warnung für Wanderer und Reisende, dass in diesem Wald Räuber sind – ursprünglich nur als Werbung für Castorf’s Räuber gedacht, heute allgegenwärtig. Ich verschenke bei Fahrtende meinen Sekt und verabschiede mich schnell, im Kopf wieder die Stimme von Fabian Hinrichs: „Es reicht uns nicht, es fehlt uns was!“

„Don’t sell your you!“

Im direkten Anschluss: Das Musical BLACK RIDER an der Schaubühne – vor allem aus nostalgischen Gründen, da besagter Freund und ich vor einer Ewigkeit bei den Bad Hersfelder Festspielen als Statisten bei BLACK RIDER den schweren roten Samtvorhang halten durften – näher war ich der Vierten Wand nie wieder, denn hier musste ich sie praktisch verkörpern. Die Inszenierung hat Schwächen, aber die Schauspielerin Jule Böwe und ihre Version vom November-Song sowie die sehr gelungene musikalische Umsetzung der Band Kante entschädigen.

Danach schauen wir in Hoffnung auf Reste vom Buffet noch bei der FEIER im Festspielhaus vorbei. Das Buffet übertrifft alle Erwartungen, die FEIER auch – allerdings im Gegensatz zum Essen nicht im positiven Sinne. DJ und Everybody’s Darling Lars Eidinger geht auf Nummer super-sicher und spielt alte Singalong-Hits, bekannt aus Kindheit, Jugend, Film und Fernsehen. Wir gehen weiter ins Berghain – da werden wir wenigstens nicht zum Mitsingen von Nena-Hits animiert. Dennoch, in meinem Kopf halt es trotz der Bässe immer noch: „Es reicht uns nicht, es fehlt uns was!“

„Die Gesellschaft muss grundlegend gereinigt werden!“

Sonntag: 16 Uhr warten wir schon ganz aufgeregt und voller ängstlicher Vorfreude vorm Prater auf die Parallelwelt 12-SPARTENHAUS von Vegard Vinge/Ida Müller & Co. Die Berichte der Premiere vom letzten Wochenende haben unsere Erwartungshaltung in die Höhe geschraubt, da wir nicht einschätzen können, was wir wohl zu sehen bekommen – falls wir überhaupt etwas zu sehen bekommen. Zu sehen bekamen wir eine ganze Menge: 10 Stunden voller Vinge-Wahnsinn. Poppige Sieg-Heil-Hymnen, Menstruationsblut-Teezeremonie, Geburt, Tod, Gewalt und Gemetzel, dazu Musik von Wagner, Bach, Aha, Triesto, Celine Dion – alles da. Irgendwann dämmern mir auch die Bezüge zu Ibsen’s VOLKSFEIND. Allerdings: Im Vergleich zu Vinge’s BORKMANN, wo man förmlich in die Wahnsinnswelt von Vinge & Co hineingezogen wurde, ist mir das 12-SPARTENHAUS dann leider doch zu sehr hinter der Vierten Wand verborgen: Im Foyer des Praters betrachtet man die immer noch wahnsinnig beeindruckenden Szenarien auf Leinwänden oder durch kleine Fenster – unheimlich geschützt und sicher, alles ganz locker und entspannt. Im Foyer macht sich so auch nach kürzester Zeit eine Stimmung wie bei einer Klassenfahrt breit: Chips oder Schokolade, Bier, Wein, Kaffee, Mate – alles was irgendwie zum Durchhalten geeignet ist. Immer wieder pennen einige weg, andere gehen raus in die sogenannte Wirklichkeit, die einem im Vergleich zu Vinge’s Parallelwelt extrem unwirklich erscheint, um Vorräte aufzufüllen oder um zu Rauchen. Ständig werden Smartphones gezückt, Bilder und Filme gemacht und im gleichen Atemzug online gestellt. Vielleicht haben Vinge & Co in diesem Jahr eine so massive Vierte Wand um sich errichtet, weil sie einfach keinen Bock auf dieses Publikum mehr haben? Wäre nachvollziehbar, denke ich beschämt… Das Publikum, das Publikum, das Publikum…

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„Wie einen Hund haben sie mich rausgeschmissen“

Um 2 Uhr sehen wir im debilen Dämmerzustand seit einer gefühlten Ewigkeit Ida Müller & Co zu, wie sie in Schiffskajüten pennen. Irgendwann bittet uns das arme Prater-Personal, jetzt doch endlich zu gehen. Wir haben nach anfänglichem Mosern Verständnis und Mitleid und packen unser Lager aus Müll und Vorräten wieder zusammen. Von Vinge’s Wunderwelt so abrupt entlassen, nutzen wir die praktischerweise noch nicht abgewaschenen Berghain-Stempel und gehen wieder tanzen. Eigentlich eine sehr stimmige Weiterführung des Programms. Und ich muss zugeben, dass ich selten bzw. noch nie eine solche Stimmung an einem frühen Montagmorgen erlebt habe – unwirklich passt als Beschreibung für das Szenario wohl am besten. Auch wenn ich diesen kurzen Einblick in diese kuriose Parallelwelt sehr zu schätzen weiß und für kurze Zeit auch beim Tanzen genießen kann, lässt sich meine grundlegende Ablehnung von hedonistischem Konsum und kapitalistischem Freiheitsbegriff nicht völlig ausblenden. Außerdem macht sich wieder meine Bullerbü-Kindheit bemerkbar, da ich das queere und feministische Szenario von The Knife ihrer SHAKING THE HABITUAL-Show dem Berghain dann doch vorziehe – da gibt es wenigstens eine Vierte Wand.

THE KNIFE - SHAKING THE HABITUAL. Foto: Adrian Anton

THE KNIFE – SHAKING THE HABITUAL. Foto: Adrian Anton

Es bleibt der Ohrwurm:

„Es reicht uns nicht, es fehlt uns was!“

Montagabend erwartet mich völlig unerwartet noch ein kleines Theater-Highlight: Besagter Freund schlägt vor, ins Garn Theater, einem 1-Personen-Theater von Adolfo Assor in Kreuzberg zu gehen – wie ich hat er eine große Vorliebe für abwegige Kunst. In einem abgelegenen Hinterhof, tief in Kellergewölben versteckt, es ist kalt und feucht, modriger Kellergeruch schlägt einem entgegen. Schwarz-getünchter Raum. Schlichtes Bühnenbild, dennoch mit Liebe zu Details und Zeugnis von Fantasie. Schauspieler und Text berühren mich sehr viel direkter als die meisten pompösen Großproduktionen, die einen die großen Stadttheater so bieten. Der Text BERUHIGUNGSMITTEL von Samuel Becket ist großartig, wunderbar abwegig, auf eine Art und Weise vorgetragen, die verdeutlicht, dass jemand mit diesem Text etwas anfangen kann und etwas aussagen will – was etwas ist, was mir immer häufiger im Theater schmerzlich fehlt.

Die Treppen hinab zum GARN THEATER in Kreuzberg. Foto: Adrian Anton

Die Treppen hinab zum GARN THEATER in Kreuzberg. Foto: Adrian Anton

„Es reicht uns nicht, es fehlt uns was!“

Mein Fazit nach diesem Berlin-Marathon: Vierte Wand ist nicht gleich Vierte Wand, sie kann ganz unterschiedliche Auswüchse annehmen. Manchmal wünscht man sie sich mehr, manchmal weniger präsent. Im Lab hätte ich gerne eine Vierte Wand gehabt, bei Vinge nicht. Die bemerkenswerteste Inszenierung meines Theatermarathons habe ich mal wieder nicht beim Theatertreffen, sondern im Prater und im Garn Theater gefunden. Wobei ich mir sicher bin, dass Vinge im nächsten Jahr garantiert wieder zum Theatertreffen geladen wird – das Garn Theater mit höchster Wahrscheinlichkeit wohl nicht. So ist die Welt: Absurd. Aber das macht es ja auch interessanter.

Ein Epilog aus KILL YOUR DARLINGS:

„Wenn man es krachen lässt, kommt man schon gar nicht an sein Leben ran. Wenn man es krachen lässt, das ist der totale Tod.“

http://www.youtube.com/watch?v=YDEp7Ru_Ud0

 

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„Prolog?“: Ein Epilog oder Abgesang von Elfriede Jelinek

„Der Lärm ist ja längst vorbei, hören Sie? … Sie erwarten von mir Lärm?“

Wie zu erwarten bei Texten von Elfriede Jelinek, so ist auch bei ihrem für den Stückemarkt des Theatertreffens entstandener Textfläche „Prolog?“ nichts wie erwartet und nichts so wie es scheint.

Allerdings schreibe ich hier nicht über den eigentlichen Text, sondern nur über den Auszug aus dem Text, der für die szenische Lesung im Rahmen des Stückemarkts ausgewählt wurde – oder genauer genommen über die Bearbeitung des Textes als Hörspiel in der Regie von Andrea Getto, vorgetragen von der Schauspielerin Hedi Kriegeskotte.

„Warten Sie gefälligst, jetzt rede ich! Und rede und rede und rede!“

Klingt nach Monolog, ist aber wie bei Jelinek zu erwarten mehrstimmig. In lapidarem Tonfall, gespielter Empörung oder gelegentlicher Schärfe scheint die prägnante Stimme von Hedi Kriegeskotte, die bereits bei der Hörspielfassung von „ULRIKE MARIA STUART“ mitgewirkt hat, im Zwie- oder Streitgespräch mit sich selbst oder den Zuhörern/Zuschauern zu stehen.

„Aber nichts ist, wie die Natur es sich gewünscht hat“

Angekündigt als „Szenario eines Verfalls und Untergangs der Welt“ vor dem Jelinek „das deiktische Moment, den subjektiven Gestus des Aufzeigens zur Disposition“ stellt, zeigt sich für mich wieder einmal mehr die Diskrepanz zwischen Texten von Jelinek und Texten über Jelinek: Worum es im „Prolog?“ eigentlich geht, kann ich gar nicht genau sagen. Denn bei Jelinek impliziert jedes „eigentlich“ reflexartig auch ein „aber…“. Das angekündigte Weltuntergangsszenario lässt sich erahnen, wenn zum Beispiel vom Sterben der Insekten wie dem „armen Schmetterling“ die Rede ist. Mit dem „deiktischen Moment“ ist wohl eines von Jelineks immer wieder kehrenden Themen gemeint, die menschliche Unfähigkeit oder Unmöglichkeit, zu hören/zu sprechen, die Absurdität der Sprache an sich oder auch die Diskrepanz zwischen Wort und Handlung. Der Standpunkt des Sprechers/des Sprechens bleibt unbestimmt und widersprüchlich, lediglich die Rolle des Publikums scheint klarer: Die des Nicht-Verstehens, des Unverständnisses, der Unfähigkeit.

„So viel zu der Freiheit, die Sie haben – nämlich gar keine.“

Anders als die meisten Stücke/Textflächen von Jelinek bleiben die nur knapp 20 Minuten des „Prolog?“ in der Hörspielfassung mit Hedi Kriegeskotte typischer lapidarer Tonalität sehr verdaulich/appetitlich, kurzweilig und unterhaltsam – ich habe das Hörspiel zum Beispiel während meinem Abwasch gehört. Bestätigt das meine Rolle als Hörer – die Unfähigkeit zu hören, was nicht gesagt werden kann?

„Es ist vorstellender Betrug, den Sie hier sehen – aber nicht meiner!“

 

„Prolog?“ von Elfriede Jelinek.
Ein Hörspiel in der Regie von Andrea Getto
Sprecherin: Hedi Kriegeskotte

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„ICH WILL KEIN THEATER!“ Das Theater mit der Jelinek

In diesem Jahr ist die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zweimal beim Theatertreffen vertreten: Mit der Inszenierung durch Johan Simons von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“, die heute Abend Premiere feiert, sowie beim Stückemarkt mit ihrem von Hedi Kriegeskotte vorgetragenen „Prolog?“, der ebenso heute auf dem Programm steht. Wer sich auf eine Spurensuche begibt, stößt auf ganze zehn Stücke der Autorin – allein in den letzten neun Jahren.*

Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. von Elfriede Jelinek. Foto: Julian Röder

Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. von Elfriede Jelinek. Foto: Julian Röder

Stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Inszenierungen von Texten dieser österreichischen „Nestbeschmutzerin“ in den vergangenen Jahren so häufig zu den bemerkenswertesten gewählt wurden und werden? Sie wird, was lebende zeitgenössische Autoren angeht, nur von Botho Strauß (12 TT Einladungen) übertroffen, dieser war zuletzt 1999 eingeladen.

Bemerkenswert gestaltet sich auch eine Erklärungssuche im Netz: Selbst das lediglich bis 2009 zurückreichende Archiv von nachtkritik.de zählt alleine 221 Einträge zu Elfriede Jelinek. Ihre eigene Website www.elfriedejelinek.com umfasst ganze elf Sparten, von Theater und Prosa bis zu Politik & Gesellschaft – und wäre beinahe dafür verantwortlich gewesen, dass dieser Text hier nicht mehr pünktlich zustande kommt, da ich mich immer wieder in den ausufernden Textflächen von Elfriede Jelinek zu verlieren drohte.

Nicht nur das von Elfriede Jelinek Geschriebene ist überwältigend, auch das über Elfriede Jelinek Geschriebene ist Zeit und Raum füllend und beschäftigt ein ganzes Forschungszentrum inklusive fleißiger Praktikanten. Bei all den Primär- und Sekundärquellen, -texten und -stücken ist mir die enorme Diskrepanz meiner eigenen Empfindungen und Gedanken aufgefallen, die sich beim Lesen von Texten von Jelinek und den Texten über Jelinek aufgetan hat: Erstere haben mich aufgewühlt, beschäftigt und verwirrt – und zwar auf emotionaler und rationaler Ebene gleichermaßen.

Beim Lesen von „Lust“, „Neid“ oder „Über Tiere“ stellt sich permanent die Frage, wer oder was ist gut oder böse, wer Opfer, wer Täter, wer klagt an, wer wird angeklagt? Ein permanentes Unwohlsein anstelle von moralischen oder intellektuellen Überlegenheitsphantasmen. Entweder darauf einlassen und sich auseinandersetzen – oder ablehnen. Jelinek spaltet.

Die Texte über Jelinek haben mich zwar manchmal auch verwirrt, meistens aber gelangweilt und bestenfalls ein wenig zu Hintergründen informiert. Meist haben sie ein eher schales Gefühl hinterlassen, da sie Tendenzen haben…

- Jelinek auf ihre Biografie zu reduzieren (Mutter! Vater! Ödipussy!)

- Jelinek politisch zuordnen und so diskreditieren/vereinnahmen zu wollen (Kommunismus! Oder schlimmer: Feminismus!)

- Jelinek zu etwas zu machen, was sie definitiv nicht ist: einfach erklärbar/verstehbar/kategorisierbar/konsumierbar

Meine Erkenntnis aus der Sekundärliteratur: Über Jelinek zu schreiben ist ein absurdes und zum Scheitern verdammtes Unterfangen (was das Schreiben dieses Textes leider ebenfalls ad absurdum führt und nicht gerade erleichtert …). Eigentlich sollte über Jelinek nichts geschrieben werden – Jelinek sollte gelesen werden … oder am Theater inszeniert. Und darum soll es jetzt auch endlich gehen: Jelinek und das Theater.

„Ich will ein anderes Theater!“ – Jelinek mischt sich gerne ein: Stiftet Aufruhr!

Das Verhältnis von Jelinek und Theater ist ambivalent:

„Das Was ist es eben, das dazukommen muß, und es muß immer von einem andren kommen als von mir, von jemand, der dem, was ich hergestellt habe, unvoreingenommen begegnet und es mit etwas ganz anderem, als ich je gedacht hätte, einnehmen kann, damit die Sprache meiner Figuren entweder gezügelt oder angespornt wird, damit die Figuren auf der Bühne lernen, und zwar am liebsten das Nichtgelingen, sonst müßten sie ja überhaupt nicht lernen.“

Dann wiederum finden sich in ihren Regieanweisungen so legendäre Sätze wie „Machen Sie, was Sie wollen“ oder auch: „Das ist mir mittlerweile sowas von egal.“ Aber Jelinek ist eben eindeutig mehrdeutig. Regisseure wie Nicolas Stemann inszenieren dennoch oder gerade deshalb immer wieder ihre Stücke: „Wahrscheinlich fordern Jelinek-Texte das Theater noch einmal auf eine ganz andere Art heraus, sich neu zu erfinden oder zumindest zu definieren.“ Derzeit sollen Stemann und Jelinek an einer Inszenierung in Anlehnung an Wagner für die Staatsoper Berlin arbeiten: „Rein Gold“. Einen sehr musikalischen und nicht sehr ehrfürchtigen Regisseur mit einer noch musikalischeren und noch weniger autoritäts- oder ehrfürchtigen Autorin gemeinsam auf Wagner loszulassen scheint sinnig. Musikalität durchzieht sowieso alle Arbeiten von Jelinek, von der „Winterreise“ über die „Klavierspielerin“ bis zur generellen Musikalität ihrer Sprache.

Vielleicht ist es eben das, was das Werk von Elfriede Jelinek – gerade für das Theater – so bemerkenswert macht: Es ist bei aller offensichtlichen Kapitalismus-, Nationalismus- und Patriachatskritik, die sich von „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte“ über „Rechnitz“ bis zur aktuellen Wirtschaftskrise wie in „Kontrakte des Kaufmanns“ zieht, immer ambivalent und vielschichtig. Ihre Texte lassen einerseits enorm viel Raum für Interpretationen und öffnen dabei immer neue Räume – und sind dennoch sehr präzise und messerscharf. Bei aller Musikalität und Poesie sind sie vertrackt, verquer und nicht leicht zu erschließen. Oder wie Stemann betont: „Sie nerven!“ Besonders deutlich wird die Ambivalenz von Jelinek-Texten an ihren assoziativen Wortspielen und ihrem Humor, für den der Begriff „schwarzer Humor“ nicht fies genug ist, da einem bei Jelineks Kalauern das Lachen immer auch im Halse stecken bleibt.

„Wen interessierts, wer spricht und wo? Sie glauben, ich bin es, hier?“

Bei Jelineks Theaterstücken stellt sich permanent die Frage: Wer spricht hier eigentlich? Und von wo wird gesprochen? Es gibt meist weder klare Rollen noch feste Charaktere oder Standpunkte – Identität und Identifikation werden als fragile und trügerische Konstrukte voller Brüche, Risse und Widersprüche unfassbar. Gibt es einmal konkrete Figuren, so widersprechen sich diese eben selbst, verwickeln sich in ihre eigenen Widersprüche und (Selbst-)Betrügereien, wie zum Beispiel die RAF-Königinnen in „Ulrike Maria Stuart“ oder „Jackie“ aus den Prinzessinnendramen. Jelinek, eigentlich wenig begeistert von Post-Something-Bewegungen, spricht von einem „Post-Ich‘-Zustand“. Viele Regisseure greifen bei Inszenierungen von Jelinek-Texten auf Chöre zurück: Miteinander oder gegeneinander skandieren, flüstern, schreien oder singen sie Jelineks Textflächen, wie in Stemanns Inszenierung von „Kontrakte des Kaufmanns“.

„…dann verlassen Sie sofort dieses Theater und tun etwas Sinnvolleres,

ja, Sie!“

Jede Form von Zu- oder Beschreibung kann an Elfriede Jelinek nur scheitern – was ich mir und diesem Text über Jelinek hiermit auch ein- und zugestehe. Aber Scheitern ist ohnehin ein gerne gesehenes Thema bei Jelineks Theater.

Wer, wo, wie und warum in der Inszenierung von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ von Johan Simons scheitert – oder lernt – werden die Vorstellungen am Donnerstag und Freitag (vielleicht) zeigen. Zumindest den Privilegierten, die Karten bekommen haben. Alle anderen können den fast 60.000 Wörter umfassenden Text auf www.elfriedejelinek.com selbst lesen – oder genervt daran scheitern. Der „Prolog?“ wird am Donnerstag, 9.05.2013, ab 18:30 Uhr als Hörspiel auf Deutschlandradio Kultur urgesendet. Thema: Die von Menschen verursachte Apokalypse – sozusagen das absolute Scheitern.

Trailer der Münchner Kammerspiele:

 

*2013: Johan Simons: „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.”
2011: Karin Beier: „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz”
2010: Nicolas Stemann: „Die Kontrakte des Kaufmanns”
2007: Nicolas Stemann: „Ulrike Maria Stuart”
2004: Nicolas Stemann: „Das Werk”
1998: Einar Schleef: „Ein Sportstück”
1998: Kazuko Watanabe: „Stecken, Stab und Stangl”
1997: Thirza Bruncken: „Stecken, Stab und Stangl”
1995: Frank Castorf: „Raststätte oder Sie machens alle”
1994: Jossi Wieler: „Wolken. Heim”

Literatur:

Jelinek, Elfriede: Ich will kein Theater. Ich will ein anderes Theater. In: Anke Roeder (Hg.): Herausforderungen an das Theater. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989, S. 143-161.

Stemann, Nicolas: Das ist mir sowas von egal! Wie kann man machen sollen, was man will? – Über die Paradoxie, Elfriede Jelineks Theatertexte zu inszenieren. In: Brigitte Landes (Hg.): Stets das Ihre. Elfriede Jelinek. Theater der Zeit Arbeitsbuch 2006. Berlin: Theater der Zeit 2006, S. 62-68.

Ursprünglich veröffentlicht auf Theatertreffen-Blog am 9.05.2013

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SHAKING THE HABITUAL: THE KNIFE

SHAKING THE HABITUAL: THE KNIFE. Foto: Adrian Anton

SHAKING THE HABITUAL: THE KNIFE. Foto: Adrian Anton

IF I WAS A BIRD

Gute Konzerte sind beinahe ebenso selten wie gutes Theater. Umso mehr hat mich das Konzert von THE KNIFE beeindruckt. Zumal es weniger ein Konzert als eine Performance war: Viel Tanz, viel Glitzer, viele Lieder wurden gar nicht live gespielt oder live gesungen, bei manchen Liedern war überhaupt niemand auf der Bühne. Kein Schlussapplaus, keine Zugaben. Also vieles ganz anders als von den üblichen Pop-Konzerten sonst so gewohnt, wodurch das Ganze meiner Meinung nach Theater oder Performance viel näher als Pop war – was mir ja sehr entgegen kommt.

THE KNIFE, also Karin Dreijer Andersson und ihr Bruder Olof Dreijer, haben bereits vor SHAKING THE HABITUAL nach Wegen gesucht, um die üblichen Fallen der Pop-Industrie wie Star- und Personenkult zu umgehen: Sie traten nur mit Masken auf, in Interviews wurden ihre Stimmen verzerrt. Identitäts- und Geschlechtergrenzen werden so immer wieder verwischt, oder wie Karin in einem Interview sagte:

“Everything is drag.”

THE KNIFE - SHAKING THE HABITUAL. Foto: Adrian Anton

THE KNIFE – SHAKING THE HABITUAL. Foto: Adrian Anton

Anders als bei der SILENT SHOUT-Tour treten THE KNIFE bei SHAKING THE HABITUAL nun ohne Masken auf, da diese inzwischen ihre ursprüngliche Funktion verloren haben und stattdessen wie Markenzeichen begriffen werden. Stattdessen haben THE KNIFE nun den Weg der Kollektivität gewählt:

“We asked our friends and lovers to help us.”

Ein 13 minütiges Interview auf THEKNIFE.net verdeutlicht ihren Ansatz, ihre Ideen und Einflüsse aus Gender-, Feminismus- und Postkolonial-Studies:

But you wanted me to be a girl

Without feathers without urge

Then my wings quick disappeared

And left was only fear

And I proclaim the reason why I’ll have to fly

BIRD live am 27.04.2013 in Hamburg:

http://www.youtube.com/watch?v=wFR3FT5kViE

SILENT SHOUT am 26.04.2013 in Bremen:

http://www.youtube.com/watch?v=XGBu6Oq9sE8

SILENT SHOUT in Hamburg:

http://www.youtube.com/watch?v=OoXstv_bypU

Video zu TOOTH FOR A TOOTH:

http://www.youtube.com/watch?feature=endscreen&v=W10F0ezCTIQ&NR=1

Shaking The Habitual Show Team:

Adena Asovic, Anna Efraimsson, Andrea Svensson, Bella Rune, Erika Niklasson, Halla Olafsdottir, Iwa Herdensjö, Jonas Nobel, Karin Dreijer Andersson, Kim Einarsson, Jesper Strömbäck Eklund, Laura Davis, Lotje Horvers, Lucie Barinkova, Marcus Baldemar, Maryam Nikandish, Nicole Lattimore, Olof Dreijer, Rami Jawhari Jansson, Sharon ‘Bamo’ Bampton, Stina Nyberg, SUTODA, Thomas Romlöv and Zoë Poluch, and hopefully more people in the future….

 

 

 

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1000 Fragen: Fabian Hinrichs in der Ich-Arena

„Wir haben uns totgedacht!“

ICH. WELT. WIR. ES ZISCHELN 1000 FRAGEN – so lautet der Titel des Solo-Abends von Fabian Hinrichs am Schauspielhaus Hamburg. Sehr treffend gewählt, denn sowohl während der einstündigen Vorstellung als auch jetzt noch zischeln mir 1000 Fragen durch den Kopf – was ja ein sehr gutes Zeichen ist, schließlich gibt es kein vernichtenderes Urteil über ein Stück, als am Ende mit einem „war nett“ wieder nach Hause zu gehen, ohne weitere Fragen.

Hinrichs, inzwischen auch über Volksbühnen-Kreise hinaus bekannt aus „Film & Fernsehen“ oder seinen Arbeiten mit René Pollesch wie das zum Theatertreffen 2012 eingeladene „KILL YOUR DARLINGS!“, treiben viele Fragen um, die sich um dieses seltsame Konstrukt namens ICH und die unerklärliche WELT, in der WIR alle mehr oder weniger gemeinsam bzw. isoliert leben. Er hinterfragt die Sehnsucht nach Mystik ebenso wie die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen und Regeln, er hinterfragt „Männlichkeitsdressuren“ und stellt klar: „Ich möchte keine Heldengeschichten mehr erzählen.“ Stattdessen kommt er auf so prägnante Aussagen wie: „Du kannst nicht weg aus dieser Welt, also ist es besser, wenn du auch nicht weg willst.“ Oder: „Dies ist kein niedliches Spielfeld, sondern ein Kriegsschauplatz.“ Aber Hinrichs gibt keine einfachen Antworten, sondern stellt lieber Fragen, wie zum Beispiel: „Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ – frei nach Wolf Biermann, wie Hinrichs seine Quellen immer brav benennt und nicht als seine eigene Urheberschaft ausgibt.

„Seid nicht so clever, ihr wisst was ich meine!“

Aber auch wenn ich nicht alle Passagen verstanden oder alle Zitate aus Philosophie und Geistesgeschichte erkannt habe, hat mich der Abend zumindest berührt. Wie bereits vor Stückbeginn die prägnante Stimme von Fabian Hinrichs zu sehnsuchtsvollen Sitar-Klängen (gespielt von Florian Pittner) mit einem verloren klingenden „Haaallo“ und einem bittenden und vereinsamt klingenden „Kommt rein“ die Zuschauer empfängt, wie er dann in seiner langen Unterwäsche durch den Nebel tapst, auf der Suche nach dem Sinn und mit Fragen zu diesem seltsamen Selbst, gefangen in der „Ich-Arena“ im „Zeitalter der Individuation“.

„ICH, ICH, ICH, ICH – Ich kann es nicht mehr hören!“

Vor einem psychedelisch-mystischen Bühnenbild mit Planeten, einem glühenden Auge und einem Vogel berührt Hinrichs philosophische Themen und existenzielle Fragen, die jeder kennt und die jeden betreffen – aber er tut das auf so undogmatische und dafür umso charismatischere Art und Weise, dass keinerlei Klugscheissergefahr besteht und sich vermutlich auch kaum ein Zuschauer seinem (kleinen Bühnen-)Zauber entziehen kann. Die vielen Lacher und die (für Hamburg ziemlich überraschende) Bereitschaft mitzusingen und aufzustehen lassen zumindest vermuten, dass Hinrichs, ein „Dichter des Körpers“, mit seinen gezischelten und sehr musikalisch inszenierten Fragen zum Ich und der Welt und dem Wir nicht nur mich berührt hat.

ICH. WELT. WIR. ES ZISCHELN 1000 FRAGEN

Konzeption: Fabian Hinrichs, Jürgen Lehmann
Raum: Jürgen Lehmann
Dramaturgische Mitarbeit: Nele Stuhler
Kostüm: Amelie Groezinger, Jürgen Lehmann
Licht: Wolfgang Schünemann
Sounds: Vredeber Albrecht
Prospektentwurf: Dirk Bell
Es spielen: Florian Pittner (Sitar), Fabian Hinrichs.

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Speziell: DISABLED THEATER von Jérôme Bel auf Kampnagel

»I have Trisomie21 – and I am sorry«

Ein Theaterstück von und mit elf Menschen mit Behinderung. Was nach einem gut gemeinten Sozialprojekt oder schlimmsten Falls nach voyeuristischer Freakshow klingt, ist bestes Konzept- oder Post-Dance-Theater – extrem direkt, reflektiert und berührend.

»My job in this piece is to be myself and not someone else«

Jérôme Bel nähert sich seinen elf Akteuren, die Schauspieler am Theater Hora in Zürich sind und Lernschwächen oder Trisomie 21 haben, mit der gleichen distanzierten Achtung und offenen Direktheit, die auch seine vorherigen Stücke wie „Cédric Andrieux“ oder „3Abschied“ so hervorheben. Auch DISABLED THEATER hinterfragt die narrativen Strukturen von gängigem Repräsentations- oder Identifikationstheater, hebt sich aber von vielen post-dramatischen Projekten durch kluge Dramaturgie und vor allem durchdachten Einsatz theatraler Mittel ab, die ihre Wirkung vor allem durch ihren unaufgeregten und reduzierten Einsatz erzielen.

»They don’t really care about us«

Was die Arbeiten von Jérôme Bel so besonders macht, ist seine Fähigkeit zur Zurückhaltung: Er versteht es, zurück zu treten und seinen Akteuren Raum zu bieten. Dieser Raum stellt sowohl eine Bühne als auch einen Schutzraum dar, was im Fall von DISABLED THEATER besonders deutlich wird: Die elf Akteure präsentieren sich dem Publikum mit entwaffnender Offenheit, ohne sich bloßzustellen, da sie nicht bloßgestellt werden, sondern sich selbst präsentieren. Sie stellen sich einzeln 1 Minute vor das Publikum, sie zeigen eine selbst einstudierte Choreografie zu selbst ausgewählter Musik und sie sagen, was sie selbst von dem Stück halten. Innerhalb dieser simplen Struktur entwickeln sich vielfältige und mehrdeutige Bedeutungsebenen:

DISABLED THEATER ist letztendlich ein Stück über Selbstermächtigung und vor allem über Achtung und Respekt, in dem normative gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität und Ästhetik hinterfragt werden. Dies geschieht völlig ohne vordergründigen moralischen Zeigefinger, sondern einzig und allein über die Präsenz der elf Akteure, die in ihren Tänzen und Aussagen eine äußerst komplexe Wirkung erzielen, die die Zuschauer berühren und mitreißen. Überhaupt sind die Reaktionen der Zuschauer Teil der Inszenierung: Auf die Aussage „Ich stottere viel…“ ertönt lachen, bis der Satz weiter geht: „Es tut mir weh.“

»Meine Mutter hat gesagt, dass es eine Art Freakshow ist« Aber: »Ich finde es super!«

DISABLED THEATER von Jérôme Bel und Remo Beuggert, Gianni Blumer, Damian Bright, Matthias Brücker, Matthias Grandjean, Julia Häusermann, Sara Hess, Miranda Hossle, Peter Keller, Lorraine Meier und Tiziana Pagliaro vom Theater Hora ist zum Theatertreffen 2013 nach Berlin eingeladen worden, was die Chancen, dass diese wirklich bemerkenswerte Inszenierung von einer größeren Öffentlichkeit bemerkt wird, enorm vergrößern dürfte.

Disabled Theater? Foto: Adrian Anton

Disabled Theater
von Jérôme Bel und Theater Hora
Konzept: Jérôme Bel, Dramaturgie: Marcel Bugiel, Assistenz und Übersetzung: Simone Truong, Chris Weinheimer.
Mit: Remo Beuggert, Gianni Blumer, Damian Bright, Matthias Brücker, Matthias Grandjean, Julia Häusermann, Sara Hess, Miranda Hossle, Peter Keller, Lorraine Meier, Tiziana Pagliaro.

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Nichts NEUES VOM DAUERZUSTAND, Herr Pollesch?

„Warum sagt Dir das denn nichts? Das müsste Dir doch jetzt etwas sagen!“

…fragt die Heilige Johanna – und bringt damit die einzige Frage auf den Punkt, die NEUES VOM DAUERZUSTAND von René Pollesch am Schauspielhaus Hamburg bei mir aufwirft.

Dabei beginnt alles ganz verheißungsvoll: Pappkulissen wie vom Winde verweht, überhöht-dramatische Klaviermusik, Sophie Rois und Christine Groß, ein Chor junger Revolverheldinnen, Margit Carstensen als klapprige Johanna von Orleons. Zitate aus Filmen sollen durch eingestreute Schlagwörter wie Dumpinglöhne, Kulturimperialismus oder die gescheiterte proletarische Revolution aufgewertet werden. Das Gegenteil ist leider der Fall, da die inhaltliche Klammer fehlt. Irgendwie geht es zwar auch wieder einmal um die Verwirrungen, Verwicklungen und die Chancenlosigkeit des Subjekts im Kapitalismus – diesmal um Themen wie „Es gibt keine Liebe nach der Liebe“; „Und aus diesem Elend bastel ich mir jetzt dieses riesige Ego“ oder ein Bedauern um „das ungelebte Leben“ – aber diese Themen werden dieses Mal lediglich auf einer Ebene persönlicher Betroffenheit verhandelt und wirken dadurch wie etwas peinliche Tagebuchauszüge.

Während die Kollagen aus gesellschaftspolitischen Theorien und Popkultur in den stärkeren Stücken von Pollesch, wie FANTASMA oder KILL YOUR DARLINGS, sich gegenseitig ergänzen, konterkarieren oder zumindest eine sehr unterhaltsame Verbindung eingehen, fehlt NEUES VOM DAUERZUSTAND die inhaltliche Klammer. Ohne diesen Kit aber zerfällt das Pollesch-Kaleidoskop zu einem sinn- und belanglosen Puzzel, dem die entscheidenden Teile fehlen.

Selbst eine Sophie Rois kann diese Leere nicht mit Ihrer Präsenz füllen. Und irgendwie ist es ja auch fast unverschämt von Herrn Pollesch, so vollkommen auf die Wirkung von großartigen Schauspielerinnen wie Sophie Rois oder Christine Groß zu bauen.

Bleibt die Frage: Warum sagt mir das denn nichts, lieber René? Müsste mir das jetzt etwas sagen – oder sagt dieses Stück einfach nichts?

Umso mehr freue ich mich auf ein Wiedersehen mit KILL YOUR DARLINGS als Gastspiel am Thalia Theater – denn das Stück sagt mir etwas.

Neues vom Dauerzustand? Foto: Adrian Anton

Neues vom Dauerzustand
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Mit: Margit Carstensen, Christine Groß, Leonie Hahn, Sophie Rois
Chor: Stefanie Bruckner, Laura Louise Brunner, Johanna Hartenberg, Lisa Melina Paulun, Laura Schuller.

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WE SAW MONSTERS von Erna Ómarsdóttir auf Kampnagel

„Once upon a time…“ WE SAW MONSTERS

Erna Ómarsdóttir erzählt und besingt in WE SAW MONSTERS reale Geschichten von Mord, Verstümmelung und sexuellen Obsessionen. Es geht um Schmerz und Lust, Liebe und Hass und vor allem Lust am Schmerz und Lust am Hässlichen.

Zur Thematik von WE SAW MONSTERS sagt die isländische Künstlerin in einem Interview mit der Zeitschrift Tanz:

„Ich glaube, ich kämpfe immer mit meinen Ängsten in meinen Stücken. Nicht, dass ich traumatisiert wäre, ich hatte eine gute Kindheit. Aber wie alle Kinder hatte ich Angst vor der Dunkelheit – und ich fürchtete mich vor Monstern.“

WE SAW MONSTERS erzählt von diesen kindlichen Ängsten, aber auch vom kindlichen Spaß an Schmerz und Zerstörung. Angst, Schmerz und Lust liegen hier eng beieinander, so wie in den Choreografien Zartheit und Gewalt, Ruhe und Heftigkeit, Sensibilität und Rohheit eng miteinander verwoben sind.

So bewegen sich z.B. zwei beeindruckenden Tänzerinnen in lavendelfarbenen Hemdchen mit Spitzenkragen und weißen Strümpfen zwischen kindlicher Unschuld und exzessiver Gewalt, oder es entspinnt sich ein poetischer Tanz mit dem Sensemann.

Die Choreografien sind untrennbar mit der Musik von Valdimar Jóhannsson verbunden, der eine Kombination aus Kinderliedern und Industrial-Metall schafft. Kindergemurmel wird zu Geschrei, die Spieluhr-ähnliche Musik wird zu stampfendem Industrial-Sound, immer wieder begleitet durch die Stimmen und Schreie der Tänzer sowie den Gesang von Erna Ómarsdóttir.

WE SAW MONSTERS auf Kampnagel. Foto: Adrian Anton

Besonders gegen Ende hin findet Erna Ómarsdóttir in WE SAW MONSTERS eine düstere Form von Pierre-et-Gilles-Ästhetik, in der mit Prothesen und Kunstblut opulente Bilder entstehen, die voller ironischer Überzeichnung und schwarzem Humor sind.

„Ich wollte ein Ende, das zugleich grausam und tröstlich ist.“

Während das 2011 beim Nordwind-Festival gezeigte TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS durch die thematische Fokussierung auf Weiblichkeitsbilder eine ganz andere inhaltliche Brisanz hatte, bleibt WE SAW MONSTERS auf eine ästhetisch-beeindruckende Art aber verhältnismäßig eindimensional und beinahe hedonistisch. Die Sinnlichkeit und Poesie von Alpträumen wird in WE SAW MONSTERS zwar kunstvoll bebildert und musikalisch untermalt, aber den Bewegungen, Bildern und Stimmungen fehlt die mehrdeutige Tiefgründigkeit, die TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS so ausgezeichnet hat.

 

WE SAW MONSTERS

Von und Mit: Erna Ómarsdóttir, Valdimar Jóhannsson, Sigrídur Soffía Níelsdóttir, Sigtryggur Berg Sigmarsson, Ásgeir Helgi Magnússon, Lovísa Ósk Gunnarsdóttir
Musik: Valdimar Jóhannsson
Kostüme:  Gabríela Fridriksdóttir, Hrafnhildur Hólmgeirsdóttir
Dramaturgie Assistenz: Karen Maria Jónsdóttir
Prothetik: Heimir Sverrirsson
Licht: Larus Björnsson, Sylvain Rausa
Ton: Lieven Dousselaere

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Wie ein Traum: TOSHIKI OKADA / CHELFITSCH: “Current Location” auf Kampnagel

Current Location“: sieben Frauen, die mit Teetassen an nüchternen kleinen Tischen sitzen, abwechselnd Monologe oder Dialoge halten über ihr Leben im “Dorf”, über dem wie eine bedrohliche Wolke Angst schwebt. Beunruhigend ruhig läuft alles ab: die Gespräche, die Bewegungen, die Zuspitzungen. Wie in einem schlechten Traum scheint die Szenerie traumwandlerisch-verlangsamt. Oder wie vor Angst gelähmt.

“Die ganze Welt ist doch ständig am untergehen”

Angst ist auch das zentrale Thema in “Current Location”. Angst wovor? Angst vor Bedrohung, Angst vor Ungewissheit. Angst, keine Angst mehr davor zu haben. Angst, was andere von einem Denken. Angst, von der Angst regiert zu werden.

“Wenn jemand stirbt, dann geht seine Welt unter”

Current location. Foto: © Tsukasa Aoki

Toshiki Okada und seinen Darstellerinnen gelingt es, dieses komplexe Thema der Angst vielschichtig und vor allem vieldeutig zu inszenieren. Während die Inszenierung “Hot Pepper, Air Conditioner, and the Farewell Speech” von  2010 die Entfremdung und Zurichtung in der modernen Arbeitswelt sehr physisch darstellte,  voller Verrenkungen und rastloser Bewegungen und Wiederholungen, wirkt “Current Location” beinahe statisch in seiner sehr reduzierten Formsprache, die dadurch aber auch sehr konzentriert ist. Auch wenn die beiden Inszenierungen formal sehr unterschiedlich sind, ist ihnen jedoch gemeinsam, dass Okada eine ganz eigene Form und Sprache gefunden hat, die den jeweiligen Themen seiner Stücke extrem gut entspricht und gerecht wird. Beeindruckend!

STÜCK/REGIE: Toshiki Okada
MIT: Luchino Yamazaki, Yukiko Sasaki, Saho Ito, Kei Namba, Mari Ando, Izumi Aoyagi, Azusa Kamimura
BÜHNE: Shusaku Futamura
MUSIK: Sangatsu

Ein Interview mit Toshiki Okada beim SpielArt-Festival:

HOT PEPPER, AIR CONDITIONER AND THE FAREWELL SPEACH – Trailer:

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Qualen bei Kušejs “INTERVIEW” auf Kampnagel

Die Inszenierung von Martin Kušej nach einem Film von Theo van Gogh wurde von der SZ als “Sternstunde des Theaters” bejubelt. Auch das auffällig Kampnagel-untypische und dafür auffällig Hamburger-Theater-Festival-typische Publikum jubelte. Fragt sich: Warum? Weil sie “ein Kammerspiel von präziser Grausamkeit, atemloser Spannung und messerscharfen Dialogen” gesehen haben?

Ich jedenfalls habe selten so unerträgliches Schmierentheater gesehen: die völlig fehlbesetzte (das ist ein Kompliment!) Birgit Minichmayr als angestrengt vulgär-schlampiges Silikon-Filmsternchen im Pseudo-Psycho-Dialog-Duell (“Warum quälst Du mich? Weil Du mich quälst!”) mit einem ebenso angestrengt-verkorksten Journalisten. Eine Aneinanderreihung plakativer Stereotypen, vorhersehbarer Witze, Möchtegern-Psychologie und konstruierter Konflikte inklusive achso überraschender Wende am Ende. Fühlt sich an wie Privatsender-Vorabendprogramm in Überlänge bei dem Versuch Ingmar Bergman zu immitieren: Unerträglich!

MIT: Birgit Minichmayr und Sebastian Blomberg
REGIE: Martin Kušej
BÜHNE: Jessica Rockstroh
KOSTÜME: Werner Fritz
DRAMATURGIE: Rahel Bucher

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