FLÜSTERN+SCHREIE

Theater+Kritik

26. Januar 2012

BERLIN ELSEWHERE von Dorky Park/Berliner Schaubühne am Thalia

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Stücke, in denen entrüstete Zuschauer bereits in der ersten Stunde ihre Abo-Sitze in den ersten Reihen verlassen und pikiert dem Ausgang zu streben, machen meiner Erfahrung nach meistens irgendetwas richtig. BERLIN ELSEWHERE von Dorky Park in Kooperation mit der Berliner Schaubühne macht da keine Ausnahme: Dieses Stück entzieht sich nicht nur Beschreibungen, sondern auch Kategorisierungen. Irgendwo zwischen Theater, Tanz und Performance werden Grenzen überschritten, ausgelotet und aufgezeigt. Manchmal dynamisch, manchmal verspielt, manchmal beinahe brutal wechselt diese Inszenierung teilweise abrupt, teilweise harmonisch fließend Stimmung, Tempo und Lautstärke. Und macht das Zuschauen immer wieder beinahe schmerzhaft, vor allem, wenn die Darsteller auf der Bühne sich verdrehen, verrenken, miteinander verhaken, aufeinanderprallen.

Das wirkt neurotisch und psychotisch, banal und langweilig, brutal und aufwühlend. Und zwar nicht nur in den heftigen, lauten und schnellen Szenen, sondern gerade auch in einigen sehr ruhigen Alltagsszenen einer Großstadt, die verdeutlichen, dass da jemand sehr genau hingesehen hat und einen geschärften Blick für die kleinen Symptome des alltäglichen Wahnsinns hat.
Wie in MEGALOPOLIS oder HELL ON EARTH geht es auch in BERLIN ELSEWHERE um Wahnsinn und Verletzungen des Alltäglichen, dieses Mal nicht nur des Lebens in der Stadt, sondern des Lebens in der Gesellschaft, der Welt im übergeordneten oder globalisierten Sinne.

Constanza Macras bezieht sich u.a. auf Michel Foucaults „Wahnsinn und Gesellschaft“, aber auch seine Heterotopien könnten als Einfluss auf die Schauplätze dienen, die bevorzugt Nicht-Orte wie Flughäfen, Toiletten oder eben urbaner oder abstrahierter Raum sind.
An diesen Nicht-Orten, angedeutet durch ein paar mobile Hochhaus-Andeutungen und wechselnde Projektionen, werden Nicht-Themen wie Stuhlgang, Bulemie oder Sexualität thematisiert. Allerdings nie des vorgeblichen Tabu-Bruchs wegen, sondern als Verdeutlichung des eigentlichen Themas von BERLIN ELSEWHERE: das Nicht-Gelingen von Kommunikation, die Brutalität dieses Nicht-Verstehens, dieses Unvermögen sich auszudrücken, dieses Unvermögen, Signale zu erkennen und lesen zu können in dieser überkomplexen Welt der totalen Entfremdung.

BERLIN ELSEWHERE weckte bei mir entfernte Erinnerungen an die LIFE TIME EPISODES des wunderbaren NATURE THEATRE OF OKLAHOMA, ist aber weniger eingängig, weniger leicht konsumierbar, sondern kantiger, vertrackter, widerspenstiger. Weit ab von moralisch-erbaulichem Schultheater, und offenbar weit ab von einigen Erwartungshaltungen der teureren Sitzplätze – vielleicht haben die ja einfach keine Probleme mit der Welt, in der sie leben? BERLIN ELSEWHERE war an der Welt, in der ich lebe und an der ich mich reibe, jedenfalls sehr nah dran.

Ein Interview mit Constanza Macras:

…und ein Zusammenschnitt der MIR-Trilogie:

Mehr Infos, Bilder und Videos finden sich unter:

www.dorkypark.org

 

BERLIN ELSEWHERE von Dorky Park/Constanza Macras

Regie und Choreografie Constanza Macras
Bühnenbild
Steffi Bruhn, Juliette Collas
Kostüme Gilvan Coêlho de Oliveira
Musik Kristina Lösche-Löwensen, Almut Lustig
Dramaturgie
Carmen Mehnert
Ensemble Hilde Elbers, Fernanda Farah, Anouk Froidevaux, Hyoung-Min Kim, Denis Kuhnert, Johanna Lemke, Ronni Maciel, Ana Mondini, Elik Niv, Miki Shoji sowie die Musikerinnen Kristina Lösche-Löwensen, Almut Lustig

21. Januar 2012

Die Forderung, zu Staunen: „Wunderkammern“ im Metropolis Kino, Hamburg

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Da mich im Theater leider schon seit längerem kaum ein Stück wirklich berührt oder gar zum Staunen gebracht hätte, begebe ich mich zunehmend auf die Suche nach anderen Randgebieten der Kultur, auf die Suche nach – ja, wonach eigentlich? Nach etwas Neuem? Eigentlich denke ich gar nicht, dass es etwas wirklich „Neues“ überhaupt geben kann – und danach suche ich auch nicht. Wonach dann? Etwas „Aufregendem“? Vielleicht, aber ich hoffe, mich nicht auf der Suche nach dem nächsten Kick zu befinden. Eigentlich würde ich es als die ständige Suche nach Formen einer Auseinandersetzung beschreiben. Aber Auseinandersetzung womit? Auseinandersetzung bedeutet für mich vor allem, in Frage zu stellen. Gewohntes zu verlassen, Strukturen, Positionen, Perspektiven zu erweitern, zu wechseln, zu hinterfragen.

Vielleicht suche ich also tatsächlich nach einem „Staunen“, wie Michel Foucault es fordert, wie es seit den ersten Aufzeichnungen der Geschichte der Philosophie immer wieder gefordert wurde und wird. Platon beschrieb das Staunen als grundlegenden „Anfang der Philosophie“, genau wie Aristoteles: „Staunen veranlasste zuerst – wie noch heute – die Menschen zum Philosophieren.“ Im Zuge der Aufklärung wurde das Staunen zunehmend zu etwas Kindischem, Lächerlichem, Minderwertigem – zugunsten von Rationalismus, Wissenschafts-, Technik- und Fortschrittsgläubigkeit.
Hanna Nordholt und Fritz Steingrobe haben dem Staunen einen Abend mit Kurzfilmen gewidmet, mit dem Titel „Wunderkammern“, gleichzeitig Titel ihres eigenen Animationsfilms, der an diesem Abend auch Hamburg-Premiere hatte.

Die einzelnen Filme kann und will ich hier gar nicht beschreiben, zumal sie sich größtenteils jeder Beschreibung ohnehin entziehen. Die Wirkung der Filme hat mich aber tatsächlich erstaunt, da das Spiel mit Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen mich wirklich wunderbar berührt hat – und zum Staunen bringen konnte.
Zwei der wunderbaren Filme konnte ich zu meinem großen Erstaunen sogar im Netz finden: „La Comtesse de Castiglione“ (David Lodge, 2000) und „Phantom Museum“ (Quay Brothers, 2003). Vor allem „La Comtesse de Castiglione“ – großartig!


Mehr zu Hanna Nordholt und Fritz Steingrobe, ihren Filmen und ihrem Hintergrund:
http://www.shortfilm.de/kurzfilmszene-deutschland/filmemacher/hanna-nordholtfritz-steingrobe.html

Wer einmal einen Eindruck von einer realen Wunderkammer erhalten will: naturkundliche und naturhistorische Museen eignen sich hervorragend, ganz toll z.B. in Wien oder Paris. Oder in einer zeitgenössischen Variante in Berlin im ME-Collectors Room:
www.me-berlin.com/wunderkammer/

16. Dezember 2011

Der diskrete Charme von Anarchie: DAS HELMI

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DAS HELMI: ‚LEAR – Bis zum Hals im Dreck‘ im Haus 3&70 in Hamburg

 

das Helmi.jpg

„die Suche nach Freiheit mit Schaumstoff und Musik“

Ein paar Pappkartons dienen als Kulissen, alter Schaumstoff aus Matratzen und Sofas, ramponierte Altkleider, etwas Heißkleber und ein Tacker ergeben die Masken, Puppen und Figuren, alle mit dem Charme des Provisoriums. Vor dieser Ausstattung war ich eigentlich überrascht, mit wie viel Achtung das 2002 entstandene Kollektiv Das Helmi Shakespeare’s Lear begegnen, die Geschichte ziemlich detailliert nachzeichnen. Der Ankündigung nach hätte ich auch sehr viel mehr persönliche Bezüge und Diskurse erwartet, so wie SHESHEPOP in ihrem TESTAMENT in Anlehnung an LEAR ihre persönlichen Generationsfragen und -konflikte durchgespielt hatten. Das Helmi, diesmal mit dem Schauspieler [eigentlich Anwalt und Vater von Florian und Felix] Peter Loycke als LEAR, stellt keine neuen Fragen an das Thema, sondern erzählt es auf eigene Art nach, allerdings ohne große Hochachtung vor der sogenannten Hochkultur. Das Helmi, seit 2007 im Berliner Ballhaus Ost residierend, hat sich neben Märchen und Filmen bereits mit so einigen Klassikern und Heiligtümern der Theatergeschichte angelegt oder angefreundet: mit Ödipus, Faust oder den Räubern:

Die Inszenierung von LEAR war reduzierter auf das Wesentliche, ohne aufwendige Kulissen, ohne Anspruch auf Perfektion - und war auch entsprechend alles andere als elitär, sondern sehr charmant, sehr witzig, sehr intelligent. Anleihen von Brecht, Becket, Fluxus, mit Musik von Dylan, Janis Joplin oder den Ärzten, immer wieder leise Verweise auf politische Ebenen. Immer eher der Verfremdung, dem ironischen Bruch, der Distanz verpflichtet als der Illusion und Identifikation. Ohne Effekthascherei, ohne auf Slapstick und Tempo zu setzen, erzielen das Helmi mit wenigen Mitteln große Wirkung. Mehr Theater mit Puppen als Puppen-Theater. Muppet-Show-Erwartungen werden eben so wenig bedient wie Hochkultur-Snobismus.

AXEL HOL DEN ROTKOHL nach Helenes AXOLOTL ROADKILL letztes Jahr in der Gaußstraße hatte ich leider verpasst:

DAS HELMI: ‚LEAR – Bis zum Hals im Dreck'

von und mit: Felix, Florian, Niklas und Peter Loycke
Technik: Tobias Gronau
Kostüm: Silja Oestmann & Das Helmi
Produktion/Dramaturgie: Christian Reichel
Assistenz: Isabella Golinski

11. Dezember 2011

TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS von Erna Omarsdottir beim Nordwind-Festival auf Kampnagel

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TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS von Erna Omarsdottir beim Nordwind-Festival auf Kampnagel

Die fünf Tänzerinnen/Sängerinnen/Erzählerinnen von TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS zeigen sich als verletzliche, verletzte und verletzende Wesen, die in 90 Minuten Rollen von Frauen und Weiblichkeit inszenieren.

Die Szenen wecken bei mir unterschiedlichste Assoziationen quer durch die Kulturgeschichte der ‚Weiblichkeit‘: mittelalterliche Hexen, neuzeitliche Vamps, Filme wie Rosemary’s Baby, Stepford Brides, Carrie oder The Virgin Suicid schießen mir durch den Kopf. Dabei zeichnen sich alle Szenen und Bilder vor allem durch ihre Mehrdeutigkeiten und Uneindeutigkeiten aus: subtile Brüche sorgen dafür, dass Stimmungen immer wieder kippen, von sanft und leise zu laut und brutal. So wandelt sich unschuldiges Disko-Gehoppse zu explizit sexualisierten Bewegungen, zuvor zärtliche Streicheleinheiten werden zu gewalttätigen Auseinandersetzungen - und vice versa.

Überhaupt beeindruckt TEACH US TO OUTGROW OUR MADNESS vor allem durch seine exzessive Heftigkeit und Schonungslosigkeit der Choreografien, wie ich sie in Tanzstücken bisher selten erlebt habe. Entsprechend vielschichtig ist auch die mehr als nur begleitende Musik, die sich anfangs irgendwo zwischen NICO, The KNIFE oder den frühen CABARET VOLTAIRE bewegt, gerade gegen Ende hin aber eindeutigere Zitat aus der Popmusik von Disko bis hin zu Deathmetall oder cheezy Show-Musik verwendet. Was ich ein wenig bedaure, da mich vor allem die ambivalenten Anfangsszenen unglaublich beeindruckt haben, während ich gegen Ende hin die zunehmende Eindeutigkeit der Darstellung als etwas zu plakativ empfunden habe. Was wiederum sehr gelungen war: die beiden letzten Lieder hätten unterschiedlicher nicht sein können. Während bei einem sehr langen, sehr heftigen Lied mit Deathmetall-Anleihen vereinzelte Zuschauer des teilweise anscheinend etwas pikierten Publikums den Saal frühzeitig verließen, führte das Abschlusslied, indem die fünf Darstellerinnen extrem lasziv gängige [männliche?] Erwartungen an „Weiblichkeit“ erfüllen, für lauten bis tobenden Applaus… meiner Meinung nach ein möglicher Verweis auf einen im gesamten Stück nie explizit benannten, aber immer implizierten Aspekt: die Rolle von Männern und Männlichkeit, der männliche Blick auf Frauen, auf weibliche Körper, auf weibliche Rollenvorstellungen - und eben deren Performance.

Sehr beeidruckend, sehr bewegend - und eigentlich würde es zu dieser Inszenierung noch unendlich viel mehr zu denken, sagen, schreiben geben…

ein kleiner Eindruck, der der Heftigkeit der Inszenierung aber nicht gerecht wird:

[Künstlerische Leitung / Artistic direction] Erna Omarsdottir
[Choreografie, Text und Kostüm / Choreography, texts and costumes] Sissel Merete Bjorkli, Riina Huhtanen, Sigridur Soffia Nielsdottir, Erna Omarsdottir and Valgerdur Rúnarsdóttir
[Ferner von / also created by] Margret Sara Gudjonsdottir
[Musik und Text / Music and texts] Lieven Dousselaere and Valdimar Johannsson
[Dramaturgieassistentin / Dramaturgy assistant] Karen María Jónsdóttir
[Licht / Lights] Sylvain Rausa
[Bühnenmeister / Stage manager] Eric Civel
[Produktion, Vertrieb / Production, distribution] Esther Welger-Barboza
[Produktionsfirma / Production Company, Institution] Shalala ehf - Erna Omarsdottir
[Koproduktion / Coproduction] Les Antipodes’09 / Le Quartz – Scène Nationale de Brest, La Passerelle – Scène Nationale de Saint-Brieuc, drodesera / centrale FIES, le CNDC Centre national de danse contemporaine Angers in the frame of the «accueil studio / Ministère de la Culture et de la Communication»
[Mit Unterstützung von / Supported by] Norden – Nordic Culture Point, Kampnagel (Hamburg – Germany), ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival,
De Warande - Turnhout (B), Vooruit (Ghent – Belgium), Workspace Brussels and Reykjavik city
[Dank an / Thanks to] Mugison, Amber Haines, Asly Bostancy, Michaela, Les Bains, Olof Soebech, Roberto Flores Moncada and Martin Meddourene / Cinema 7 asbl

FR09.12.2011, ca. 90 Minuten

8. Dezember 2011

Tere Dostoyevsky! 12karamasows von Kristian Smeds beim Nordwind-Festival auf Kampnagel

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Tere Dostoyevsky! Oder die vierte Wand:

12karamasows von Kristian Smeds beim Nordwind-Festival auf Kampnagel

 

Eigentlich halte ich mich spätestens seit der Debatte um die Thalia-Publikumsabstimmung von der nachtkritik-seite eher fern. Denn eigentlich halte ich es für eine etwas schale Belustigung, die Echauffiertheit des Wutbürgertums und ihre Sorgen um etwaige demokratische Mitbestimmungsrechte anzusehen. Wobei es ja schon interessant ist, zu welchen Ausbrüchen der Wut und Rage die Menschen so fähig sind – und die daran anschließende Frage, ob das die gleichen Leute sind, die in ihren Abo-Sitzen im Theater rumpennen oder an ihrer Chanel-Tasche rumspielen.

Heute habe aber auch ich mich dazu hinreißen lassen, mich zu echauffieren. Tut ja auch mal ganz gut, ist ja auch ganz gesund und offenbar auch noch gut für die Gesellschaft und die Demokratie. Allerdings habe ich mir nach wie vor die Kommentare zur Thalia-Abstimmung verkniffen [und dafür als Einleitung an dieser Stelle gewinnbringend untergebracht…] und stattdessen folgenden Kommentar zu einer Nachtkritik von Eva Biringer zu den 12karamosows beim Nordwind-Festival auf Kampnagel gepostet:

„1. 12Karamasows, Hamburg: Spielgewalt beeindruckt

klar war das stück immer hart an der grenze des erträglichen und sicher immer wieder gerne jenseits der 'grenzen des guten geschmacks'. aber die kritik oben sagt mehr über die kritikerin als über das stück aus: wer angst vor flecken auf der sauberen kleidung oder vor fiepen im ohr hat, war in dieser inszenierung sicher falsch - und kann ja stattdessen weiterhin im gepolsterten abo-sitz das sonst viel zu häufige schultheater zur moralischen erbauung genießen - sauber, distanziert, distinguiert, unberührt. mich haben die 12karamasows jedenfalls tief beeindruckt mit ihrer spielgewalt, ihrer direktheit, ihrer körperlichkeit - und ihrer musik, in der so ziemlich alle möglichen emotionen und stimmungen ihren raum fanden, von überschwenglicher zu verzweifelter lebenslust. aber die feineren und leiseren töne können ja auch leicht überhört werden, wenn man stattdessen um seine klamotten besorgt ist oder watte ins ohr stopft.

anton , 08. Dezember 2011 - 10:38 Uhr“

Dabei ist mir meine Echauffiertheit [das Wort klingt bereits genauso bescheuert wie ich es auch meine] auch ein wenig peinlich, gar nicht wegen der emotionalen Erregtheit, sondern weil ich eigentlich meistens auch so ins Theater zu gehen scheine wie Eva Biringer von Nachtkritik: nämlich gerne mit Distanz zur Darstellung, als Zuschauer im geschützten Dunkel des Zuschauerraums. Die vierte Wand, die ja gerne von Theatermachern kritisiert wird, finde ich meistens super und fühle mich immer wieder eher bedrängt und belästigt und peinlich berührt, wenn irgendwelche Theatermacher diese Spielregeln einfach nicht beachten oder eben zu übertreten versuchen. Wobei diese Versuche ja auch schnell unangenehm berühren können – da die Gefahr eines geschmacklichen, stilistischen Fauxpas immens ist, weshalb ja viele Theatermacher diesen Schritt auch gar nicht erst wagen.

Daher waren mir die 12karamasows gestern abend auch sehr suspekt, da bereits zu Beginn ein in Plastiktüten-Pampers bekleideter strichdünner Ukulele-Spieler das ohnehin zahlenmäßig sehr mäßige Publikum aus seiner sicherheitversprechenden Herden-Situation löste und persönlich begrüßte, gefolgt von Kristian Smeds, der auch noch alle Anwesenden einmal aus der Sicherheit der hinteren Reihen in die erste Reihe beordert. Meine schlimmsten Erwartungen wurden auch bestätigt, da das Publikum immer wieder mit einbezogen wurde: Fähnchen schwingen, Wodka saufen, weinendes kleines Mädchen steinigen, per Applaus den besten Schauspieler wählen, der anschließend so verhauen, bespuckt und gequält wird, dass es kaum auszuhalten war. Und besonders in der ersten Hälfte der fast fünf Stunden bzw. eigentlich bis zur zweiten [!] Pause war ich innerlich völlig zerrissen: bodenlos schlecht und geschmacklos? Diese permanenten Überzeichnungen aller möglichen plakativen Klischees, vom H&M-Kinderabteilung-Punkrock-Look über sämtliche unangenehme Männer- und Frauenklischees bis hin zur mir völlig verhassten Alkohol-, Gewalt- und Exzess-Verherrlichung. Bis hier her gehe ich also mit Eva Biringers Kritik leider ziemlich d´accord, obwohl ich mir auch immer wieder die Frage stelle, ob die 12karamasows gerade wegen dieser hemmungslosen Überzeichnungen und Geschmacklosigkeiten genial sind? Aber im Gegensatz zur vermutlich eher braven Eva war ich zumindest musikalisch von Anfang an extrem beeindruckt, da Dostojewskis Balladen von den 12karamasows mit einer solchen Vielfalt an Mitteln und Wucht, Wut, Liebe, Energie vorgetragen wurden, wie ich sie auf Konzerten immer wieder suche und immer wieder vermisse. Aber reicht mir das? Tolle junge Schauspieler, die ihren Enthusiasmus, ihren Übermut, ihre Experimentierfreude in toller Musik zum Ausdruck bringen können?

So zerriss ich mich zwischen Momenten emotionalen Mitgerissenwerdens und theoretisch-analytischem Zerriss der Inszenierung. Bis mein persönlicher Horror eintrat: von einer Gruppe kreischender Schauspielerinnen in den Scheinwerfer genommen zu werden und ihre Liebesbekundungen entgegen zunehmen – und kommentieren zu müssen. Nachdem ich mich davon gerade wieder erholt hatte und meine Adrenalin- und Stresshormonproduktion wieder im Griff hatte, kommt schon wieder ein Schauspieler auf mich zu, führt mich an den leeren Tisch in der Mitte der Bühne und führt die unangenehme Konversation zwischen Fremden mit mir und anschließend mit weiteren vier Opfern. Damit es keine Missverständnisse gibt: die Situation war so angelegt, dass die Konversation die unangenehme Konversation zwischen Fremden widerspiegelt, es lag also nicht an meiner Stresshormonproduktion… seltsamer Weise legte sich eben diese aber zunehmend, obwohl das Geschehen in meiner unmittelbaren Nähe immer heftiger wurde, da auf dem Tisch, um den wir saßen, zwei Männer [und ein Pferdekopf – aus Pappkartons] in einen verzweifelten Kampf um eine Pistole gerieten, mit der der eine sich gerade umbringen will. In dem Gerangel werde ich dann nach einem „reason to live“ gefragt – ich, der sich diese Frage selbst in weniger stressigen Situationen nicht einmal selbst beantworten kann. Da mir mein Zynismus sagt, dass „there is none“ vielleicht gerade nicht die richtige Antwort wäre, sage ich „everything“ und bin über meinen eigenen Tiefsinn überrascht [wobei ich im Nachhinein finde, ich hätte den armen Kerl lieber in den Arm nehmen oder küssen sollen]. Viel konnte ich darüber aber auch gar nicht sinnieren, da um mich herum alles immer absurder wurde: alles rennt und schreit um den Tisch rum, Kunstblut und Wodka fließen weiterhin großzügig, Carl Orff‘s Carmina Burana wird für die seit der blöden Doors-Verfilmung geläufige ekstatische Orgien-Kulisse missbraucht, Jesus klettert auf den Tisch, wird verprügelt, bespuckt, gebissen – bis der Vater auftaucht und die Gören mit patriachaler Gewalt zu seiner verdrehten Version von Ordnung ruft. Die Reihenfolge bekomme ich gar nicht mehr richtig auf die Reihe, aber zumindest war dann irgendwann wieder Pause.

12karamasows zu Tisch

Nach dieser zweiten Pause [die ich auch zur Erholung brauchte] versicherte Kristian Smeds den wenigen Verblieben, dass im letzten Teil kein Grund zur Angst bestünde, es werde niemand mehr zum Mitmachen animiert. So versichert, dass meine eben schmerzlich vermisste vierte Wand im letzten Teil nicht mehr angetastet werden würde, konnte ich mich auch gleich wieder viel entspannter auf die Darbietung einlassen – und endlich aufhören, das Ganze irgendwie einordnen oder analysieren zu wollen – ist das gutes Theater? Ist das überhaupt Theater? Ist das nicht vielmehr ein Spektakel, ein Zirkus? Und ab da funktionierte die Inszenierung auch für mich: die Heftigkeit, die Körperlichkeit, die Sinnlichkeit, die totale Musikalität, die hemmungslosen Überzeichnungen, die Entfesselungen auf allen Ebenen.

Daher kann ich Jim Ashilevi, Kait Kall, Ott Kartau, Katre Kaseleht, Liis Lindmaa, Loore Martma, Maili Metssalu, Madis Mäeorg, Tõnis Niinemets, Mari Pokinen, Ivo Reinok, Marion Undusk, Ragne Veensalu, Siim Sups, Kristian Smeds und seinem Team nur für ihren Mut, ihren Enthusiasmus danken – und dass sie neben der vierten Wand auch meine üblichen vernünftigen, rationalen, engen Vorstellungen und Beurteilungen von Theater außer Kraft gesetzt haben.

Übrigens habe ich an diesem Abend keinen Schluck Wodka getrunken, die Inszenierung funktionierte also auch ohne alkoholischen Exzess.

Wer die Inszenierung verpasst hat, findet hier kleine Einblicke [die aber bereits ausreichen, um Eva Biringers blöde Nachtkritik völlig blöde aussehen zu lassen]:

http://vimeo.com/23793720

oder

http://vimeo.com/29450444

oder

http://vimeo.com/28523132

alle zufinden auf dem blog der 12kramasows unter:

http://karamazovid.com

12karamasows

12Karamasows
Konzept und Leitung: Kristian Smeds, Bühne: Jani Uljas, Komponist-Dirigent: Ismo Laakso, Licht und technische Leitung: Teemu Nurmelin.
Mit: Jim Ashilevi, Kait Kall, Ott Kartau, Katre Kaseleht, Liis Lindmaa, Loore Martma, Maili Metssalu, Madis Mäeorg, Tõnis Niinemets, Mari Pokinen, Ivo Reinok, Marion Undusk, Ragne Veensalu, Siim Sups.

www.kampnagel.de
www. nordwindfestival.de

4. Dezember 2011

Bastian Kraft inszeniert “ORLANDO” von Virginia Woolf im Thalia in der Gaussstrasse

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Nach seiner beeindruckend-minimalistischen Inszenierung von Franz Kafkas „Amerika“ und der sehr oppulenten [und cleveren] Umsetzung von Helene Hegemanns kleinem Medienskandälchen „Axolotl Roadkill“ versucht sich Bastian Kraft wieder an einer hoch-komplexen Romanvorlage: Virginia Woolfs 1928 veröffentlichte Homage an ihre Partnerin Vita: ORLANDO – Eine Biografie.

Diese Biografie, die weniger eine Lebensgeschichte als vielmehr die biografische Lüge und erzählerische Illusion in der Literatur thematisiert, wird von Bastian Kraft und seinem Bühnenbildner Peter Baur mit liebevollen Tricks aus der Theater-Illusions-Kiste inszeniert: handgefertigtes PopUp-Buch, Bluebox und Livecam werden geschickt überlagert und sorgen für mehrere Projektions- und Spielebenen als Spielfläche für die fünf Schauspieler_innen, die in teilweise [sprichwörtlich] atemberaubender Geschwindigkeit Fragen nach Zeit, Raum und Realität hinterher eilen.

Während sie von Kostüm zu Kostüm und von Rolle zu Rolle über die Seiten des Buches und die Zeiten der Handlung hinweg eilen, werden sämtliche zivilisatorische Ordnungssysteme als systematische Konstrukte durchgespielt: Gerade Zeit wird in dieser Inszenierung als zentrale Kategorie thematisiert, die weniger ordnet, sondern vielmehr absolut relativ und absurd ist, eine höchst subjektive und verstörende Kategorie. Weiteres großes Thema ist die Unvereinbarkeit von Literatur mit der Komplexität der Welt und die daraus resultierende Absurdität des Schreibens und vor allem der Motivation zu schreiben, wobei Orlando die Frage stellt, die wohl jede schreibende Person kennt: „Bin ich der größte Schriftsteller oder der größte Idiot?“

Leider weitaus weniger verstörend, sondern etwas zu lapidar und nebensächlich wird allerdings die Kategorie Geschlecht als Illusion und Konstrukt verhandelt und kommt in der Inszenierung eindeutig zu kurz, was der Romanvorlage in dieser Hinsicht leider überhaupt nicht gerecht wird. Victoria Trauttmansdorff wird viel zu wenig Raum gegeben, so dass ihre Fragen nach der Inszenierung der Rolle der Frau und der damit verbundenen Anstrengungen im schnelllebigen bunten Wirrwarr der Inszenierung kaum Gewicht erhalten. Und das ist wohl auch mein größter Kritikpunkt: Bastian Kraft inszeniert Orlando als buntes, kreatives und unterhaltsames Bilderbuch – das ist sehr amüsant und kurzweilig, wird der Vielschichtigkeit und Schlagkraft von Virginia Woolfs Orlando aber leider nicht immer ganz gerecht … aber wenn Literatur unvereinbar mit der Komplexität der Welt ist, darf Theater vielleicht auch unvereinbar mit der Komplexität von Literatur sein.

Orlando

Orlando
nach dem Roman von Virginia Woolf

Regie: Bastian Kraft, Bühnenbild und Video: Peter Baur, Kostüme: Inga Timm, Musik: Arthur Fussy, Dramaturgie: Beate Heine.

Es spielen: Sandra Flubacher, Leon Pfannenmüller, Nadja Schönfeldt, Cathérine Seiffert, Victoria Trauttmansdorff.

3. Oktober 2011

Jette Steckel inszeniert “Der Fremde” von Albert Camus im Thalia in der Gaussstrasse.

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Der Fremde. Wer ist der Fremde? Wer ist dieser Meursault aus Camus‘ bekanntestem Werk? Jette Steckel stellt sich dieser unlösbaren Frage, indem sie den Fremden facettenreich wechselnd oder gleichzeitig von 4 Schauspielern verkörpern lässt. Das ergibt keinen schlüssigen Charakter, aber der Fremde kann eben auch nur der Fremde bleiben.

Camus hat sich auch nie um Schlüssigkeit oder Sympathie bemüht, und sein Fremder ist auch keine Identifikationsfigur, ganz im Gegenteil. Der Fremde ist weder Held noch Anti-Held, er dient vielmehr der Verdeutlichung von existenziellen Fragen. Wie verorte ich mich in der Gesellschaft? Wie stelle ich mich zu meinem Tod? Wie stelle ich mich zum Leben? Die Inszenierung stellt diese Fragen, aber sie verhilft zu keinem großen Erkenntnisgewinn, da sie zu sehr um Unterhaltung, um Gefallen, um Gefühle bemüht ist. Der Fremde bleibt dadurch umso fremder, obwohl [oder gerade weil] Jette Steckel virtuos Stimmungen und Bilder schafft, die die sperrige Geschichte des Fremden visualisieren und stellenweise auch wunderbar erlebbar machen. Hierbei verlässt sie sich größtenteils auf ihre vier Schauspieler, die dieser Erwartung auch durchaus gewachsen sind. Außer in den Momenten, wo sie es übertreiben, sich zu sehr in Emotionen und Entrüstungen hineinsteigern. Ähnlich ist der Einsatz der Musik, den Jette Steckel manchmal perfekt beherrscht [wie in der wunderbaren Anfangsszene der „Kleinbürger“ ihrer Gorki-Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin], manchmal aber auch pathetisch ziemlich daneben liegt [wie in der Caligula-Szene mit der im Theater ohnehin völlig inflationär verwendeten Doors-Schnulze „The End“]. Und ausgerechnet Radiohead‘s Gefühlsduselei und Theatralik entspricht so gar nicht der spröden Haltung und Distanziertheit des Fremden, funktioniert aber [zumindest für mich] auch nicht als Antagonismus oder Bruch.

Der Fremde ist fremd, weil er eben nicht plausibel und nachvollziehbar und schon gar nicht nachfühlbar ist. Der Versuch des Gegenteils kann somit bestenfalls eine Sisyphos -Arbeit sein. Sieht man aber davon ab, ob die Inszenierung nun in der Lage war, den philosophischen Gehalt des Fremden auf die Bühne zu bringen oder sogar zu bereichern, dann war die Inszenierung gelungen: tolle Schauspieler, tolle Bühne, tolle Maske, tolle Bilder, tolle Dramaturgie, tolle Einfälle. In Anbetracht der komplexen Vorlage mit all ihren Längen, philosophischen Monologen und Konstruiertheiten ist das mehr als beachtlich. Mehr als die meisten Stücke an deutschen (Stadt-)Theatern zu bieten haben, mehr als die Hamburger Theater meist bieten.

 Der Fremde

Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Mark Badur
Dramaturgie: Carl Hegemann

Es spielen: Julian Greis , Franziska Hartmann , Mirco Kreibich , Daniel Lommatzsch

19. September 2011

MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND im Thalia Theater Hamburg

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MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND

Von Tankred Dorst, inszeniert von Antú Romero Nunes

Antú Romero Nunes erste Inszenierung im großen Haus beginnt überschwänglich, enthusiastisch und euphorisch – um dann im zweiten Teil zu kippen: Eskapismus, Orientierungslosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Die Geschichte von Merlin, der die Sinnlosigkeit des Lebens nicht akzeptieren will und daher immer wieder in das Leben der Menschen eingreift, kann als Spiegelung des Werdegangs zahlreicher Utopien und Bewegungen gelesen werden: die Geburt einer Idee, der Bruch mit überlebten Strukturen, der Aufbruch in eine selbstgestaltete Zukunft voller Ideale, die Konfrontation mit der utopie-unverträglichen Realität, das Scheitern an eigenen Unfähigkeiten und Konflikten, schließlich der Weg des Eskapismus und der Flucht vor den Konsequenzen der eigenen Taten, der zwangsläufig in Gewalt, Zerstörung und Hoffnungslosigkeit endet.

Nunes findet hierfür wieder eine eindrucksvolle Sprache und bewegende Bilder: ähnlich wie bei seinen vorherigen Inszenierungen in der Gaußstraße, INVASION! und ATROPA, lässt er vor allem seinen Schauspielern Raum und Möglichkeiten, Bilder und Stimmungen zu gestalten und die Zuschauer zu berühren. Während im ersten Teil noch zusätzlich das ganze Reportoire der Theater-Trickkiste bis hin zum Glitzerkonfettiregen aufgefahren wird, bleibt am Ende nur die nackte Bühne, die von den ratlosen Figuren bespielt werden soll. Zwar erschließt sich während der fast 4 Stunden langen Inszenierung nicht immer jede Szene oder jede Figur jedem Zuschauer, aber das entspricht ja vielleicht auch der thematisierten „Überkomplexität des Lebens“.

Auf die große Frage „Wofür lebt der Mensch, wofür müht er sich ein Leben lang?“ findet logischerweise auch Nunes keine Antwort – oder wenn doch, dann fällt die Antwort des 27-jährigen Regisseurs nicht sehr optimistisch aus, da am Ende die Narren ihr Spiel wieder von vorne beginnen, ungerührt und unberührt von den Schicksalen der Menschen. Vielleicht auch eine gelungene Spiegelung: wie die Narren ihr Spiel wieder von vorne beginnen, gehen auch die Zuschauer wieder in ihre Alltagswelten und spielen munter ihre Spiele weiter, aber [zumindest ein paar] vielleicht etwas berührt von diesem Abend.

 merlin.jpg

Besetzung

Regie: Antú Romero Nunes

Bühne:Florian Lösche
Kostüme:Matthias Koch
Musik:Johannes Hofmann

Video:Sebastian Pircher , Peer Engelbracht

Dramaturgie:Sandra Küpper

Darsteller:
Julian Greis
Lisa Hagmeister
Franziska Hartmann
Mirco Kreibich
Daniel Lommatzsch
Jörg Pohl
Rafael Stachowiak
André Szymanski
Sebastian Zimmler

 

Chor Karin Pawolka (Leitung), Nico Cornehl, Sybille Förster, Thorsten Schuck, Janina Troost (Solo); Lotta Marei Allewelt, Ines Maria Eberlein, Janina Kriszun; Vanessa Derkum, Marie Laackmann, Manuela Stange; Thomas Bernardy, Sigurd Hartwigsen, Bastian Kohn; Wolfgang Ahrens, Alexander Grimm, Christian-Malte Seidl, Lady Cindy Memsah (Die Wüstenprinzessin)
Live-Kamera
Anna Fenske, Annemarie Drexler

2. Juni 2011

Goya + Lars Eidinger auf der Schaubühne Berlin

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»Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch«

Text, Regie und Bühne: Rodrigo García mit Lars Eidinger

 „Seine Inszenierungen sind Provokationen, die mit großer szenischer Wucht den Zuschauer attackieren und in wütenden Texten mit der westlichen Zivilisation abrechnen“, schreibt die Schaubühne über den Autor und Regisseur Rodrigo García. Und tatsächlich wirkt das Stück wie eine Endzeit-Beschreibung: Stroboskop-Gewitter und gedärm-erschütternde Bässe, Fress- und Saufszenarien, Plastikrasen und ein  Diskokugel-Mercedes. Die Handlung: Lars Eidinger als nicht mehr junger Vater zweier Söhne beschließt aus seinem Leben „was zu machen“: die Lebensersparnisse von 2000 Euro werden abgehoben, der Plan ist, mit seinen Söhnen in den Prado einzubrechen und dort eine Nacht lang Gemälde von Goya zu betrachten – aber die Neuzeit-Bälger wollen nach Disneyland, dem erklärten Feindbild des unangepasst-unzufriedenen Vaters. Wodurch ein Generationskonflikt thematisiert wird, der nicht mehr dem Klischee der gegen-die-Spießigkeit-der-Elterngeneration-rebellierenden Jugend passt: wenn nämlich genau diese Jugend, mittlerweile nicht mehr ganz so jung, sozusagen Berufs-Jugendliche, selbst Eltern werden – dazu verdammt, dass ihre Kinder sie hinterfragen und sich von ihnen abgrenzen.

Saturn frisst seine Kinder

Und die Frustration des Vaters ist offensichtlich: weder unerträglich lautes Techno-Geballer noch die Sehnsucht nach intellektueller Auseinandersetzung noch Drogen ändern daran was – alles bleibt Zerstreuung, die Suche nach dem nächsten Kick, nach der nächsten Grenzüberschreitung.

Stellt sich die Frage, was eigentlich im Theater passiert, wenn es eben nicht mehr lauter geht, wenn das Katzenfutter aufgefressen ist, wenn einem keine Grenze mehr einfällt, die überschritten werden könnte. Vielleicht Stille? Etwas mehr Stille hätte der Inszenierung vielleicht gar nicht geschadet, aber Stille entspricht so gar nicht dem Zeitgeist – und den Anforderungen und Erwartungshaltungen eines [im Vergleich zu anderen Theaterabenden auffällig jungen] Publikums, das eben schon alles gesehen hat, mit nichts mehr zu schocken ist und [genau wie Lars Eidinger auf der Bühne] auf der getriebenen und rastlosen Suche nach dem nächsten Kick, der nächsten Grenzüberschreitung oder irgendeinem Sinn ist.   

 Trailer der Schaubühne [sehr viel ruhiger als das Stück!]

Eine Produktion der Schaubühne am Lehniner Platz.

Text und Regie: Rodrigo García

Bühne und Kostüme: Rodrigo García

Video: Rodrigo García, Krzysztof Honowski

Dramaturgie: Nils Haarmann

Licht: Carlos Marquerie

Mit: Lars Eidinger

 

20. Mai 2011

SHESHEPOP´s 7SCHWESTERN auf KAMPNAGEL

Abgelegt unter: Rezension

SHESHEPOP´s 7SCHWESTERN beziehen das Prosowsche „Haus der gepflegten Verzweiflung“, indem sich Tschechow’s DREI SCHWESTERN in Träumen von einem Leben verlieren, das sie nicht leben. Tschechow’s Schwestern erträumen sich ein Leben außerhalb ihres tatsächlichen provinziellen, beschränkten, bürgerlichen Lebens und ertragen mit Hilfe dieser Träume ein Leben, das sie so eigentlich nicht führen wollten. Dazu sind SHESHEPOP nicht bereit. Der Resignation und Stagnation der 3 Schwestern von Tschechow versuchen die 4 Schwestern von SHESHEPOP eine Reflektion und Konfrontation entgegenzusetzen.

Nachdem SHESHEPOP’s TESTAMENT, eine Thematisierung des Generationenkonflikts und des Alterns in Anlehnung an Shakespeare’s King Lear, zum Theatertreffen eingeladen wurde und von allen Seiten hochgelobt wurde, war es ja praktisch zu erwarten, dass ihre neue Produktion mit viel Skepsis, Hähme, Kritik überschüttet werden würde. Und dann noch dieses Thema: Mutterschaft. Rollenbilder und –konflikte. Frauen-Themen. Wen soll das begeistern? Frauen? Die selbst in eben diesen Konflikten stecken oder diese Konflikte am Liebsten ausblenden würden? Oder Männer? Die davon sowieso nichts hören und schon gar nicht spüren wollen? Schwieriges (Minen-)Feld also. Und ein Blick in die Kritiken zum Stück bestätigt das nur. Skepsis, Hähme, Kritik. Vereinfachung, Stigmatisierung, Neutralisierung. Das übliche (Medien-)Spiel.

Dabei sind die 7SCHWESTERN in ihren Konflikten überhaupt nicht auf „Frauen-Probleme“ zu reduzieren. In erster Linie geht es um die grundlegende „Angst, das Leben zu vergeuden“. Und hier treffen sich SHESHEPOP und die 3 Schwestern von Tschechow. Und diese Angst, das Leben zu vergeuden, stellt sich aus der Perspektive jenseits der 30er eben anders dar als aus der Sicht der Jugendlichkeit, aus der alles auf Zukunft, auf Möglichkeiten, auf Utopie gerichtet ist.

Klärt sich die Sicht im Alter?

Irgendwann erfolgt zwangsläufig eine rückblickende Infragestellung dieser (utopischen) Zukunft, die jetzt Gegenwart sein sollte und der (eher real-politischen) Zukunft, die aus dieser tatsächlichen Gegenwart heraus überhaupt noch möglich ist.

Wie will ich leben? Und was tue ich, um so zu leben? SHESHEPOP stellen die Frage nach Utopie und Praxis: Rückzug ins Private oder offensiver Schritt in die Öffentlichkeit? Arbeit oder Familie? Oder sind diese Begriffe nicht völlig irreführend? War das Private nicht mal politisch? Ist Familie nicht Arbeit, und ist jede bezahlte Arbeit wirklich Arbeit? Ist Bezahlung die maßgebliche Währung oder eher Anerkennung? Aber wie lässt sich Anerkennung von außen finden, wenn das Haus nicht verlassen wird? Und ist draußen wirklich besser als drinnen? Erfolgt der Rückzug ins Private nicht gerade deshalb, weil draußen eben doch eher feindlich ist und ARBEIT nicht immer LEBEN bedeutet?

„Ich will hier gar nicht raus, das ist meine Utopie hier!“

Und so arbeiten sich die Schwestern ab an Arbeitsbegriffen und  –definitionen, an Rollenvorstellungen, der Rolle Frau, der Rolle Mutter und allen ihren Zuschreibungen und Stigmatisierungen („Mutter-Ghetto“). Diese Repräsentationsarbeit findet nur selten direkt auf der Bühne statt, sondern wird repräsentiert durch Livecam-Einspielungen aus den verschiedenen repräsentativen Räumen des vermeintlich öffentlichen Hauses der Schwestern, deren öffentlicher Salon als Ort öffentlicher Diskurse dienen soll, letztendlich aber eher als Schlüsselloch in private Sphären fungiert, die sonst nur selten in den Blick einer Öffentlichkeit geraten.

Mutterschaft spielt bei SHESHEPOP (anders als bei Tschechow) eine zentrale Rolle, da die Kinderfrage alles verändert – und auch spalten kann. Erfolgt eine gegenseitige Stigmatisierung und Ent-Solidarisierung aufgrund der Kinderfrage? Und hier stellt sich auch (anders als in der Gesamt-Gesellschaft) die Frage nach Solidarität – wie soll die in der Praxis aussehen? Auf welcher verbindenden Grundlage? In welchem zeitlichen Rahmen? Wenn die Kinder in der Kita sind? Oder in den einsamen Nächten? Kinder verändern die Lebenssituation grundlegend und somit auch die vorher vielleicht mal gemeinsamen Perspektiven. Und ist ein Kollektiv möglich ohne verbindende gemeinsame Perspektiven? Da diese Fragen einiges an Konfliktpotential beinhalten, greifen SHESHEPOP auf Methoden wie aus F.O.R.T. (Frauen organisieren radikale Therapie) bzw. M.R.T. (die Männer-Variante) zurück, was mit zu den kuriosesten Momenten des Abends zählt.

 Ein anderer großartiger Moment ist der vermeintlich „Offene Moment“ – dessen Zauber in den verheißungsvollen vermeintlichen Möglichkeiten liegt und der durch Stille, durch Warten verlängert werden soll, was aber dazu führt, dass der Moment ungenutzt verstreicht - und seine Offenheit verliert: das Problem der Entscheidungslosigkeit, der Passivität, der Verstrickung in Theorie - ohne Praxis. Und eben hier liegt die Parallele zu Tschechow’s Schwestern, die ganz offensichtlich niemals das Leben führen werden, von dem sie träumen, die niemals nach Moskau kommen werden, die sich aber mit der Hoffnung auf Moskau am Leben erhalten und so eine unaushaltbare Situation aushalten. Die 7SCHWESTERN schicken am Ende die Kinder raus aus dem Haus, den Strukturen und Zwängen, auf der Suche nach Kollektivität und Utopie, eben „Nach Moskau!“. So dienen die Kinder einerseits als Hoffnungsträger eigener unerfüllter Träume, gleichzeitig löst sich so auch die Kinder-Problematik… zumindest in der Utopie, nicht in der Realität. Und so endet der Abend auch mit den resignierten und der eigenen Hilf- und Bedeutungslosigkeit bewussten Worten der Tschechow'schen Olga: "Man wird uns vergessen, unsere Gesichter, Stimmen und wie viele wir waren …"

Und auch SHESHEPOP haben keine Antwort auf diese existentiellen Fragen, aber dafür die Entschlossenheit, sich diesen Fragen zu stellen, und zwar nicht vereinzelt und im Privaten, sondern kollektiv und in der Öffentlichkeit.

Großartig.

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Konzept: She She Pop. Mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Lisa Lucassen, Ilia Papatheodorou und Berit Stumpf. Assistenz: Kaja Jakstat. Bühne: Sandra Fox. Assistenz Bühne: Janna Schaar. Kostüm: Lea Søvsø. Technische Leitung: Jürgen Salzmann. Sounddesign: Jeff McGrory. Produktion/ PR: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro. Administration: Elke Weber. Hospitanz: Sarah Kuska

Eine Koproduktion von She She Pop mit dem Hebbel am Ufer Berlin, Kampnagel Hamburg und dem FFT Düsseldorf.

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