Lüge + Wahrheit? Zu Helene Hegemanns “Axolotl Roadkill”
„Nur über die Lüge kommen wir der Wahrheit nahe“
„Alle rebellieren ja, auch wenn die Rebellion darin besteht, sich nur noch für die Oberfläche zu interessieren.“ Sagt Helene Hegemann der Welt am 09.02.2010.
Dabei ist doch das Ideal unserer Zeit schlechthin, nur noch Oberfläche zu sein: Schönheit, Glamour, Partys, Exzesse, Geld. Wer sind denn die Stars, die uns in den Medien begegnen? Paris Hilton verkörpert dieses Ideal ikonenhaft: reine Oberfläche, reine Projektionsfläche, völlig ohne Inhalt oder Hintergrund (von ihrem finanziellen bzw. familiären Hintergrund mal abgesehen). Und abgesehen von ihren cleveren PR-Beratern im Hintergrund. Und in genau dieser Absurdität leben alle, gerade Jugendliche: in einer Wirklichkeit, in der der Schöne Schein mehr zählt als alles andere, in der eine völlig realitätsfremde Fassade die Wirklichkeit bestimmt. Und Massen kleiner Topstars und Supermodels sind kein Ausdruck von Rebellion, sondern wenn überhaupt, dann Strategien, um sich auf einem deregulierten Weltmarkt wenn nicht eine Perspektive so doch zumindest eine Überlebensstrategie oder -nische zu suchen. Rebelliert wird hier höchstens gegen die permanenten Erfahrungen des Scheiterns, die ein übersättigter Arbeitsmarkt, auf dem eben nur die Spitze des Eisbergs einen Platz an der Sonne erhält, produziert.
Dieser Selbstbewusstseinskult der Individualisierung führt dazu, dass alles akzeptiert oder ignoriert wird, da alle nur noch mit sich selbst bzw. mit der Konstruktion ihrer Oberfläche beschäftigt sind. Innerhalb zunehmender Pluralisierung kommt es auch zu einer Partikularisierung der Lebenswelten, was sich eben auch in einer Partikularisierung sozialer Protestbewegungen spiegelt. Von daher hat Helene wahrscheinlich recht, wenn sie sagt: „Alle rebellieren ja.“ Aber wenn alle rebellieren, indem sie „sich nur noch für die Oberfläche“ interessieren, verliert sich diese Rebellion eben auch in absoluter Belang- und Wirkungslosigkeit. Oder, von Lessing geklaut: „Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten!“
„Nur über die Lüge kommen wir der Wahrheit nahe“ sagt Helene Hegemann.
„Wer nicht lügen kann, weiß nicht, was Wahrheit ist“ sagt Nietzsche.
Wie trügerisch diese Form der Wahrheit oder Wirklichkeit ist, wird deutlich, wenn Helene Hegemann z.B. von der (Springer-) Welt auf Geschlechterverhältnisse angesprochen wird: „Ich habe mich mit so etwas nie beschäftigt, weil ich in einem Jahrzehnt groß geworden bin, in dem sich Fragen nach Geschlechterrollen kaum mehr stellen.“ Als ob Männer mittlerweile auch Gefahr laufen würden, bei unbedachtem oder ungewolltem Sex schwanger zu werden. Oder als ob es mehr alleinerziehende Väter als Mütter geben würde. Andererseits möchte mensch sich auch gar nicht überlegen, was andere Leute auf so eine Frage antworten würden. Und die meisten können froh sein, dass ihnen mit 17 niemand solche Fragen gestellt und die Antworten aufgezeichnet und veröffentlicht hat.
Lüge + Wahrheit? Oder Gier + Hass?
Viel interessanter als die ganzen Versuche, den Wahrheits- oder Originalitätsgehalt von Hegemann auseinander zunehmen ist doch vielmehr die Frage, warum sich eine breite Öffentlichkeit so dermaßen gierig auf dieses Buch und diese Autorin stürzt.
Gier nach Schock, nach Skandal, nach Vernichtung? Oder einfach nur bürgerlicher Voyeurismus? 17 Jährige schreibt über Drogen und Exzesse. Gefundenes Fressen. Vor allem, wenn dieses Mädchen gleich den passenden Background liefert: direkt aus der linksintellektuellen Theater-Avantgarde-Elite und mit biografischen Parallelen zum Inhalt des Buches wird eine riesige Projektionsfläche für alle geboten: Sensationsgier oder Faszination, Zu- oder Abneigung. Und vor allem wollten doch alle aus der weißen, heterosexuellen Bildungselite schon immer mal hinter die Gardinen dieser Pseudo-Linken-Avantgarde-Elite blicken. Nur um bestätigt zu bekommen, dass hier lediglich Ausschweifungen, sexuelle Perversionen und zwischenmenschliche Abgründe produziert werden, aber zum Glück keinerlei inhaltliche Substanz, mit der sich auseinandergesetzt werden müsste.
Unbequeme Aussagen werden ruckzuck neutralisiert: Jelinek ist dann nur noch eine vergrätzte Feministin, Pollesch eine linksintellektuelle Schwuchtel, Schlingensief ein aufmerksamkeitshöriger Theater-Clown… und Helene Hegemann einfach nur das Kind ihres Vaters.
Was die einzelnen wie und warum sagen, kann dann viel einfacher ignoriert oder belächelt werden. Hinweise auf Widersprüche und Konflikte werden so einfach wegindividualisiert zu den persönlichen Widersprüchen und Konflikten eben dieser sprechenden Person, so dass diese Person möglichst schnell wieder zum Schweigen gebracht wird. Oder noch besser, sollen sie doch reden und schreiben, am Besten laut und hysterisch schreien, nimmt ja doch niemand mehr ernst. Und da sich das Ganze ja offensichtlich prima verkaufen lässt, sind dann am Ende doch alle Gewinner. Selbst der beklaute Airen, der daher auf die FAZ-Frage, ob er sich als Opfer fühle, antworten kann: „Nein. Helene Hegemann hat mich nicht angegriffen. (…) Dass es durch diesen Skandal hochkommt, empfinde ich als unangenehm, aber es ist natürlich auch Publicity, ein Bonus, den ich sonst nie gehabt hätte.“
Opfer? Wenn überhaupt, dann ein Opfer des Marktes, aber dank der finanziellen Gewinne eben auch Gewinner.